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ZEITSCHRIFT

ROMANISCHE PHILOLOGIE

BEGRÜNDET VON Pkror. Dr. GUSTAV GRÖBER t

FORTGEFÜHRT UND HERAUSGEGEBEN

VON

Dr. ALFONS HILKA

PROFESSOR AN DER UNIVERSITAT GÖTTINGEN

1927 XLVIL BAND.

HERAUSGEGEBEN ALS

FESTSCHRIFT FÜR CARL APPEL ZU SEINEM 70. GEBURTSTAGE AM 17. MAI 1927

MAX NIEMEYER VERLAG HALLE (SAALE) 1927

Harr.

INHALT.

Seite FrienpgıcH BECK (Bamberg), Die rätselhaften Worte in Dante’s Vita Nova I PuıLıpp AuGusT BECKER (Leipzig), Adenet le roi und seine Gönner. . 28 E. BRAUNHOLTZ (Cambridge), Die Streitgedichte Peters von Blois und Roberts von Beaufeu über den Wert des Weines und des Bier . . 2 2 2 0 0 2 0000 30 HERMANN BREUER (Breslau), Eine provenzalische Urkunde aus "Najac vom Jahre 1310. . 2 2 2 0 2 2 0 2 nenn. 39 Joser Brück (Innsbruck), Zu altit. morfire „fressen“ . . 2 220. 44 VINCENZO CRESCINI (Padova), Revestor . . . . a er \y | KARL VON ETTMAYER (Wien), Die Wortsippe um aoror; galiar . » . 4 ARTHUR FRANZ (Würzburg), Die reflektierte Handlung im Cliges. . . 61 HEINRICH GELZER (Jena), Der Silenceroman von Heldris de Cornualle . 87 GIACOMO DE GREGORIO (Palermo), Due etimologie . . . . . 100 ANTONIO GRIERA (Barcelona), Els noms vascos dels mesos de any. . 102 ADALBERT HÄMEL (WÜRZBURG), Eine unbekannte Rolandiegende . . 113 EUGEN H&RzoG (Cernäufi), Wortgeschichtliches . . . . . ... 115 ALFONS HıLKA (Göttingen), Altfranzösische Mystik und Bepineotuni .. 121 KARL JABERG (Bern) und JAKOB JuD (Zürich), Transkriptionsverfahren, Aussprache- und Gehörschwankungen (Prolegomena zum Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz) . . . er 7A Lz0o JoORDAN (München), Studium der Lautgewohnheiten und Erkenntnis 219 LupwıG KARL (Graz), Ungarn und die provenzalische Dichtkunst . .„ 235 ADOLF Kor.sEn (Berlin), Zwei provenzalische Streitgedichte (BGr. 461, 16 u. 434,1). . . ; . . 242 Kurt LEWENT (Berlin), Provenzalisch Plus negative PER sieigernd.; 249 CHARLES BERTRAM LEWIS (St. Andrews), The Function of the Gong in

the Source of Chrestien de Troyes’ Ivain. . . 254 ERHARD LOMMATZSCH (Greifswald), Französisches zu E. E. Niebergalls

„Datterich“ . . . 271 WILHELM MEYER-LÜBKE (Bonn), Zur "gallorsmanischen Shrachseschichte 287 WERNER MULERTT (Halle), Doppelte Vornamen . . . 293 Lupwıg PFANDL (München), Franziskanische Mystik des 7 Jahrhunderts

in Spanien . . 302 ALFRED PILLET (Königsberg), Grundlagen, Aufgaben und eskongen

der Troubadours-Forschung . . . . oe re 16

ELisE RıcHTer (Wien), Impressionismus, Ernie and Grammatik 349

IV INHALT.

ALFRED Rısop (Berlin), Zur Syntax des Relativpronomens . . . . . GERHARD ROHLrs (Tübingen), Baskische Reliktwörter im Pyrenäengebiet MARGARETE RÖSLER (Wien), Londoner Französisch im XII. und XIV. Jahrhundert . . . . Be ee Dimmteı SCHELUDKO (Sofia), Über die arabischen Lehnwörter im Alt- provenzalischen . . . . En b OsKAR SCHULTZ-GORA (Jena), Boccaocio’ 8 Vater urkundlich in "Paris dach: weisbar . . . . .. . WiırLy ScruLz (Breslau), Ein Kalturbild aus den Mocedades del Gi von Guillen de Castro mit Ausblicken auf Quellen und Technik des Dichters wie auf den Cid des Corneille. . » ce 2 2... FRIEDRICH SCHÜRR (Graz), ua el.n Studien II. (Mit 2 Karten.) . . BA. 0 ce EvA SEIFERT (Berlin), Die beiden Verben habehe and tenere in der alt- spanischen Danza de la muerte. . . . 2 2.0 GUNNAR TILANDER (Stockholm), Le sens et l’origine de v. fr. Hlaissier, plaisseis . . . . . 0... : JoHAan VısinG (Göteborg), Der historisch: zenstische Gesichtspunkt bei Anordnung der Bedeutungen in französischen Wörterbüchern KARL VORETZSCH (Halle), Proben aus den Obros et Rimos provvenssalos des Loys de la Bellaudiero . . » 2 2 2 02 2 2020 0.0 WALTHER VON WARTBURG (Aarau), „Discuss“. . » 2 2 20 00. BERTHOLD WiIkEsE (Halle), Fünf Barzelletten nach alten Drucken . . EMIiL WINKLER (Innsbruck), Von der Kunst des Alexiusdichters . WOLFGANG VON WURZBACH (Wien), Unveröffentlichte Briefe und andere Schriftstücke von Prosper de Barante, J.-Ch.-L. de Sismondi, A.-J.-V. Leroux de Lincy, J.-D. Guigniaut, 2 Sandeau und Karl Bartsch. . . . . anca ADOLF ZAUNER (Graz), Freie und Soda, Vokale ; im F tanzöstschen ; Kara M. FASSBINDER (Saarbrücken), Formales und Technisches in der höfischen Dichtung des Raimbaut von Vaqueiras . . . . GEORG EBELING (Kiel), Zur Bedeutungsentwicklung romanischer Partikeln Hans BRoszinsKı, Register . © 2 2 0 2 2 2 nn.

Die rätselhaften Worte in Dante’s Vita Nova.

(8 12.)

In den Worten der V. N.!: Zgo famguam centrum circuli cui simili_modo se habent circumferenhiae partes; iu autem non sic hat Dante seinen Lesern und Erklärern ein Rätsel aufgegeben, das bis auf den heutigen Tag trotz vieler Anstrengungen und sorgfältiger Untersuchungen ungelöst geblieben ist. Dafs er dabei die dem Signore de la Nobiltade in den Mund gelegten Worte absichtlich in das Dunkel eines Symbols oder Bildes gehüllt hat, steht aufser allem Zweifel. Die gewolite Dunkelheit entsprach nicht blofs dem mystischen Charakter des Jugendwerkes, sondern entsprang auch einer Überzeugung des Dichters, dals es „schön sei, dem edlen Geiste auch einige Mühe aufzubürden“ (Corv. II 5,146). Es ist in der Tat des Schweilses der Edleren wert, den Schleier dieses Symbols zu lüften; denn, wenn die wahre Deutung desselben ge- funden wird, ist auch der Schlüssel zum richtigen Verständnis der Hauptfiguren des Neuen Lebens, Amor und Beatrice, gefunden. Es eröffnen sich aber auch überraschende Zusammenhänge mit Stellen der Göftl. Kom. und der anderen Werke Dantes, ganz zu schweigen von der Auslegung des Neuen Lebens selbst, welcher sozusagen eine gebundene Marschroute vorgeschrieben wird. Endlich liefert die vorliegende Studie einen weiteren Beitrag für die Be- ziehungen Dantes zum Orient, worüber ich Zs. (41, 471—74 und 44, 728) gehandelt habe.

Zunächst ist festzustellen, dafs Signore de la Nobiltade ‚Herr der Vollkommenheit‘ bedeutet;?2 denn nodile ist bei Dante oft gleichbedeutend mit erfetto, wie ich im Deuischen Dantejahrbuch 9, 96 nachgewiesen habe. Dazu wäre nachzutragen Cozv. IV 16, 32: der questo vocabolo Nobiltd s’ intende perfezione di propria natura in ciascuna cosa (vgl. idid. IV 19, 20— 22). Die Eigenschaft robile kann von irgend einer Sache ausgesagt werden, die „ar sua nafura „„per- Jelta®* ist (ibid. IV 16, 36). Nicht selten bedeutet simzle ‚gleich‘

ı S. Anhang V.

% Fletcher (Modern Philology XI, 13) erklärte sZiri£ of charity, Pascoli (Mirabile Visione 2a ed. p. 37) falst nobzltade = magnanımitä. Der Signore de la Nobiltade wird auch Sire de la Cortesia (8 42,9), Padre de’ Lumi (Conv. IV, 20, 39), Zrima Intelligenza (Conv. IV, 21,36) Primo Amore usw. genannt (s. Zs. 40, 260).

Zeitschr, f. rom. Phil. XLVII. N

2 FRIEDRICH BECK,

(V. N. 8$ 15,52. 20,23. 30, 16. 36,4. 39,5 u. 29, ferner sımi- glianza $ 24, 32 Conv. IV 16,66), gleichviel, ob es als lateinisches oder italienisches Wort gebraucht ist. Diese Bedeutung ‚gleich‘ ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit aus dem Bild vom Kreise, Denn das ‚simili modo‘ kann nicht besser als durch Dantes eigene Worte (Cunv. IV 16, 65) erklärt werden, wo er sagt, der vollkommene Kreis ist jener, in welchem ein Punkt ist, der von der Peripherie gleichweit entfernt ist: nzodile circolo ... quando ın esso & un punto ıl quale egualmente sia distante dalla circonferenza.3 Wie haben wir uns nun den unvollkommenen Kreis vorzustellen, welcher den Gegensatz zum nobile carcolo bildet? Eine kurze Abschweifung, in welcher auf die gekrümmte Linie und ihre Gebilde hingewiesen wird, führt uns zuerst auf eine Stelle beim hl. Augustin. Er sagt (de quantitate anımae Migne, P. 1. 32, 1051): „apud Horatium magnis laudibus solemus extollere illum versum, quanlo ait, cum de sapiente agerel! Fortis el in seipso lolus teres altque rolundus (Serm. lib. 2, sat. 7, V. 60.)

Ei recte: nam neque in anımis bonis quicquam invenis quod magis sibi ex omni parte consentiat qguam virtultem neque in planis figuris quam circulum.“

Im Gegensatz zum Eckigen, Spitzen bedeutet die Rundung Einheit, Harmonie, Vollkommenheit. Die krumme Linie verdient den Vorzug* vor der geraden Linie, weil sie den Kreis, die Kugel bildet. Deshalb haben die Philosophen wie z. B. Pythagoras, Aristoteles, Plato und die Neuplatoniker (Plotin), Ibn Gabirol u. a. den Kreis, bzw. die Kugel gewählt, um entweder ein anschauliches Bild des Kosmos und seiner Teile oder des Verhältnisses von Ursache und Wirkung, von Schöpfer und Geschöpf u. dgl. zu geben. Die reinste und schönste Bewegung, die durch die Rückkehr in sich selbst ewig ist, ist die Kreisbewegung. So lehrte Aristoteles (Schwarz p. 57). Dem Plotin ist der Prozefs der Welt ein geistig bewegter Kreislauf (ibid. 94). Die Kreisbewegung kommt nach Philo „eigentlich blofs dem Geiste zu“; „wenn die Sterne nicht reine und göttliche Seelen wären, so würde ihnen die Kreis- bewegung nicht eigen sein“ (Frank p. 229). Bei Joachim von Floris (Ps. 233r) konnte Dante lesen: »n circulo nulla est anguli differentia sed est quodammodo ctirculus summe unum. Si hoc de alıqua re prelerguam de Deo dic possil: eo quod res rotlunda tola simul in seipsa esse uniformem videalur > et non sil in ea aliquid quod angulis sive cornibus osiendalur divisum ... und (sbid. 238r) id guod acutum est ın alıqua mysteriali fıgura sıgnifical principium sive finem,

s Vgl. Augustinus, de quantitate animae cap. ıı (Migne, ?.Z 32, pP. 1045 und 36, 520).

* Conv. IV, 13,112: „JZ Derfetto collo imperfetto non si pud congiungere. Onde vedemo che la torta linea colla diritta non si congiugne mai; e, se alcuno congiungimento v' d, non 2 da linea a linea, ma da Punto a Punto,“

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 3

also im Gegensatz zum Kreis, zum « ef w, dessen Erläuterung ein grolser Teil der beiden Werke Joachims gewidmet is. Aus den beiden Stellen geht klar hervor, dafs der Kreis im höchsten Sinne eins ist, d. h. nicht geteilt oder unterbrochen durch Winkel und Ecken; keine andere Figur war also würdiger und geeigneter, die Gottheit zu versinnbilden. Kein Wunder, wenn die simplex unilas durch einen Kreis dargestellt wird, wie wir später sehen werden. Nach diesen einleitenden Bemerkungen wenden wir uns wieder Dante zu, indem wir die oben gestellte Frage beantworten. Dante versteht unter csrcolo jede Figur oder jeden Körper, der von einer krummen Linie umschlossen ist: Corv. II 14, 152 „dio cerchio largamente ogni rilondo, o corpo o sußerficie“ Solche Kreise in weiterem Sinne sind z.B. nach Coxzv. IV 16,67f. der eirunde Kreis, also die Ellipse, die dem Vollmond sich nähernde Mond- scheibe u. dgl. Aber das sind unvollkommene Kreise, weil sie nicht die höchste Entfaltung der viırta ın tulla la sua nalura er- reicht haben. Der Kreis im engeren Sinn, d.h. wie wir ihn ge- wöhnlich verstehen, ist dagegen vollkommen, ein ‚noddle circolo‘.

Zur Zeit Dantes gab es zwei „vollkommene Kreise“, welche als Symbol Gottes weit verbreitet waren. Der erste war ein heid-. nisches, der zweite ein jüdisch-christliches Symbol. Beide konnte der Dichter verwerten, ohne dafs er (wie sonst häufig) genötigt war, das überlieferte Geistesgut den eigenen Ideen anzupassen oder es in christlichem Sinne umzudeuten. Der erste, heidnische Kreis ist die bildliche Darstellung der Begriffsbestimmung, welche Hermes Trismegistos von der Gottheit gegeben hatte.

Von Hermes Trismegistos hat ausführlich gehandelt A. Kirchner; ihm gilt der „dreifach Gröfste* als historische Persönlichkeit (II? S. 577) und als Zeitgenosse Abrahams (f etwa um 1600 v. Chr.), sowie ‚e Chananaea stirpe‘. Der gleichen Ansicht ist Bonaventura,5 bei dem Dante lesen konnte ‚/er maxımus, maxımus philosophus, maximus sacerdos & maxımus Aegypli rex‘$ Träger und Verbreiter seiner Wissenschaft waren nach Kirchner (t. II Zars altera S. 498 fl.) Orpheus und Aglaophamos (etwa 600 v. Chr.), Pherekydes, der Lehrer des Pythagoras (etwa 578—534), Pythagoras (580—568) und sein Schüler Philolaos (ungefähr um 430), welcher selbst wieder der Lehrer Plato’s (429—348) wurde. Ungefähr gleichzeitig mit Pythagoras wäre auch der Lehrer des Parmenides (etwa 513 v. Chr.), Xenophanes (569—480), und des Parmenides Schüler Melissus? zu nennen. Die Kette der Überlieferung würde sich schliefsen mit Philo Judaeus (30 oder 20 v.Chr. um 45 n.Chr. Mead a.a.O, I, 204), und den Neuplatonikern Plotin (205—270), Porphyrios

5 S. Bonaventurae operum omnium suppl. Tridenti MDCCL XXIV, t. 3, S. 1241, s.v. Mercurius.

6 Neuere Literatur über H. Tr. bei Louis M&nard, Zermos Trismegiste, Paris 1867; Pietschmann Herm. Trism., Leipzig 1875; Mead, G.AR.S. Trhrice Greatest Hermes, London and Benares 1906, 3 voll.

T Dante erwähnt ihn Par. 13, 125, Mon. III, 4, 22.

I"

4 FRIEDRICH BECK,

(233—300?) und Proklus (412—485). Philo verdient besondere Erwähnung, weil er nicht blofs Verbreiter der hellenististischen Bildung war, sondern auch wie der Pseudoareopagite Dionysius, Ambrosius, Hieronymus und Joachim von Floris Ideen der jüdischen Religionsphilosophen in seinen Werken vorträgt. Die hermetische Begriffsbestimmung lautet: Deus est spaera intelligibilis, cujus centrum ubique, circumferentia nusquam,®

So findet sie sich bei Alanus, bei Alexander von Hales und Bona- ventura (s. Anhang l); in dem der Hermetis, einem vielleicht im ı2. Jabrh. entstandenen, jedenfalls im 13. Jahrh. handschriftlich nachgewiesenem „Machwerk“, fehlt das ‚znfelligibilis‘ (Dr. M. Baum- gartner, Die Philosophie des Alanus de Insulis, Münster 1896, S. 118). Alanus schätzte das „Machwerk* so hoch, dafs er es sogar zur Grundlage seiner Regulae theol. machte; man vgl. Liber Herm. no. ı, 2, 7 mit Regulae 3, 7, 5. Dieses Zxber 24 Philosophorum mit seinem anspruchsvollen Titel bei nur zwei Druckseiten Umfang hat Denifle veröffentlicht (Archiv f. Literatur- u. Kirchengesch. d. Mittel- alters, Berlin 1886, II, 427/28). Es kommt als Quelle für Dante wohl kaum in Betracht, dagegen sind die beiden Franziskaner Alexander von Hales und Bonaventura neben Alanus in die engere Wahl zu ziehen. Am wahrscheinlichsten ist es, dafs Alanus der Autor war, aus welchem Dante schöpfte; ich möchte jedoch nicht behaupten, dafs er der einzige war. Im Gegenteil; die hermetische Definition, welche ich blofs bei Alexander und Bonaventura nach- weisen kann, gehörte höchstwahrscheinlich zu den Schulüberliefe- rungen des Ordens und wird deshalb auch bei manchem anderen Autor desselben zu finden sein. Für Alanus spricht vor allem die Tatsache, dafs er auch sonst den Dichter beeinflulst hat. Bossard hat es wahrscheinlich gemacht, dafs Dante den Ansiclaudianus ge- kannt hat (Alani de Insulis Anticlaudianus cum Divina Dantıs Alı- ghieri Comadia collatus Andegavi 1885, S. 72), und Salvadori (S. ı6) erklärte es ‚/uor di dubbio che D. abbia avuto un’ idea della sua ascen- sione celeste nel Paradiso dall” Anticlaudiano‘. Bossard hat auch nach- gewiesen, dafs Dante die hermetische Definition gekannt hat. Zu diesem Zwecke hat er Stellen wie Zurg. 11,1; Par. 14,30. 29,12 zusammengestellt mit Anticlaudianus lib. 5, cap. 3:

Nec solum loca cuncta replet sed singula solus

Infra se claudit, quasi meta locusque locorum ...

Principium sine principio, finis sine fine

er sine tempore durans

Immensus sine mensura usw.

(Vgl. Zs. XL, 267 und XLI, 471.) Bevor wir uns von der mehr oder minder sagenhaften Gestalt

des Hermes Trismegistos abwenden, mufs noch ein Wort über das

® spaera (spera, sphaera) wird ebenso wie circulus gebraucht (Kircher, t, II Zars altera 5. 85).

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 5

Alter der unter seinem Namen gehenden Schriften gesagt werden. Die Griechen erkannten in dem ibisköpfigen Mondgott, welchen die alten Ägypter Teh, Tehu, Teehut nannten,? ihren Hermes; sie verwechselten ihn aber auch mit Asklepius (Aeskulap), ähnlich wie die Araber, welche in ihm vorzugsweise die medizinischen Kennt- nisse schätzten und ihn deshalb Hakim nannten. So erklärt es sich, dafs in den lateinischen Schriften des Mittelalters der Name Mercurius für Hermes Trismegistos der gebräuchliche ist. Überweg (Grundri/s d. Gesch. d. Phil. d. Altertums, 10. Aufl., Berlin 1909, S. 326) sagt: „Die Schriften des angeblichen Hermes Trismegistos ... stammen, abgesehen von einigen Partien wahrscheinlich christlicher Herkunft, in ihrer jetzigen Gestalt aus dem Ende des 3. Jahrh. n. Chr., zeigen aber noch nicht die charakteristischen Eigentümlich- keiten des Neuplatonismus.“ Dieses Urteil gründet sich wohl blofs auf eine Behauptung von Letronne (Inseridfion grecque de Rosette, Paris 1841, S. 20; s. Pietschmann S. 35), wird aber von Mead (a.a.O. I, 117) nicht anerkannt.

Über einige religionsphilosophische Ideen der alten Ägypter berichtet Kircher; sie werden hier angeführt, weil sie für den weiteren Gang der Untersuchung wichtig sind. Es wird gesagt (II 2, 572), dafs Hermes ‚Aieroglyphice Deum divinaque semper per circulum expressit‘, ferner: ‚Aegyplü Deum ex circuli hieroglyphico intelligebant‘ (ib. 571), die Ägypter ‚frinam unitatem „Hemphta“ dicebant el sub figura ÖWpıxvxiontepo- uöopo, id est per globum, serpentem, alam in unum hierogramma eongesia occulle exprimebant (ibid. 10),1%° worin wir also einen Vor- läufer des Gotteskreises zu sehen hätten; besonders wichtig erscheint die Gewohnheit der Ägypter, auf ihren Obelisken Gott und auf Gott bezügliche Dinge durch Einfügung eines Kreises oder einer Kugel zu bezeichnen: „guandocungue magnum quidpiam, mirabıle, excellens in quo nonnulla divinilatis vestigia apparerent, indicare vellent, id apposito circulo seu sphaera demonstrarent“ (ibid. II 2,85). Wir schliefsen die Belege aus Kircher mit zwei Stellen, welche beweisen, dafs die hierogrammatische Eins bei den Ägyptern durch einen Kreis versinnbildet wurde: „unitalem quoque abso- Jutam per centrum signifcaturi circulum pingebant eo quod sicul centrum est principium omnium linearum figurarumgue ex lines con- stitularum, sic Unitas sußrema causa est omnium in mundo existen- fium“ (ibid. 22); der Kreis stellte dar „unitatem centralem denotat; id est centrum ponebant pro uno, et quia cenirum sola positione punch insensible est, id non meliore ralione signandum duxerunt quam eirculo* (1 2, 42; s. auch 84 u. 98), also der Punkt für sich (= cen- /rum) wäre zu unansehnlich gewesen, weshalb man ihn mit der Kreisliniie umgab. Wo aber ein Kreis ist, mufs naturgemäls ein Punkt als Zentrum desselben vorhanden sein. Ist nicht in der Tat der Punkt ein Kreis mit unendlich kleinem Radius?

® Pietschmann S. 31—34; s. Anm. 6. Papus 336.

6 FRIEDRICH BECK,

Der zweite „vollkommene Kreis“, welcher ein jüdisch-christ- liches Gottessymbol darstellt und Dante ebenso bekannt war wie der hermetische Zirkel, ist bei Joachim von Floris zu finden.

Der kalabresische Abt wird von Dante Zar. 12, 141 wegen seines prophetischen Geistes gerühmt:

il calavrese abate Giovacchino, di spirito profetico dotato;

allein der schlichte, bescheidene Bauernsohn 1! von Celico, welcher 63 Jahre vor des Dichters Geburt gestorben war, hatte mit seiner Voraussage der Erscheinung des Antichrist im Jahre 1260 sehr wenig Glück und dachte über seine prophetische Begabung selbst viel bescheidener als seine zahlreichen Anhänger und Verehrer. Ein religiös-mystisches Gemüt wie das des jungen Dante mufste sich besonders von zwei Werken Joachims angezogen fühlen, der Zxtositio in Apocalipsim und dem ZPsalterium decem cordarum.!? Die Auslegung der Stellen der Apokalypse 18, XXI6, XXI ı8, welche das & und & betreffen, die eingehende Besprechung des Gottesnamens, der simplex unilas und frinilas, kurz alle Fragen, welche den wesentlichen Inhalt der beiden obengenannten Werke ausmachen, werden im Zusammenhang mit dem Gotteskreis berührt und erörtert werden. Joachim geht zwar von «@ und @ aus, ver- gilst aber nicht darauf, auch die mystischen Eigenschaften des A und 2 zu verwerten. Insbesondere entnimmt er dem letzteren die „göttliche“ Rundung, welche ihn dann über O (fol. 36v/2 und 37r/2) zum Kreise führt. Auf fol. 257 stehen dann neben A und o zwei Kreise. Der erste Kreis hat als Zentrum statt des Punktes die Worte: Zgo sum gu sum. Darunter steht als Erklärung: zu hac figura ostenditur simplex unilas. Erinnern wir uns daran, dafs die alten Ägypter schon die absolute Eins durch einen Kreis dar- stellten (s. S. 5). Der zweite Kreis hat statt des Mittelpunktes den Gottesnamen eve (vgl. fol. 35vfl.) und darunter die erläu- ternden Worte: Trinitas unus deus habel relationem ad seplem spirilus qui missi sunt ab eo ad omnem subditam creluram (über die

11 Gebhart (Z’Italie mystique S.62) sagt Joachim sei 1132 in Celico bei Cosenza geboren; „son pere appartenait d la bourgeoisie noble du royaume normand“. Nun liest man (/n Apoc, fol. 175r.,2): Sepius me dixisse vecolo et adhuc in suis locis repetere idipsum compellor: Nolo videri quod non sum fingens aliquid ex presumßlione mea. Non extimet aliquis exigendum ame qui sum homo agricola a juventute mea quod ab ipsis quoque prophetis exigi ante sua lempora non licebat quia et ipsi ex parte videbant et ex parte proßhetabant et nos adhuc ex parte videmus. Aus diesen schlichten Worten geht jedenfalls klar hervor, dafs Joachim, wie er später (fol. 190v.,2) sagt, nicht dem Frosch gleichen will: sana enim cum inflatur mentitur Se esse quod non est.

12 Der Verfasser sagt darüber (fol. 230r.,1): Ssalterrum in quo Prae- ceptorum decalogus et totius summa fidei continetur. Der Titel des Werkes erinnert an Ps. 32,2: Confitemin:! Domino in cithara: in psalterio decem chordarum Psallite illi (vgl. Alunus de Insulis, Distinctiones, Migne, ?. 210, 738).

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 7

seplem spiritus vgl. Apoc. 1,4). Die beiden Kreise stellen nach fol. 36v nicht etwa zwei verschiedene Symbole dar; sie sollen nur das bessere Verständnis vermitteln. Dafs dies auch wirklich zutrifft, ergibt sich aus der völligen Übereinstimmung der Kreismittelpunkte; denn Zgo sum qui sum ist die Übersetzung von Jeve: Zxo sum gui sum, d.h. ich bin, der ist, der övrwoc ®v, der wirklich Seiende, der Ewige, gu: est et qui erat et venturus est omnipotens (Apoc. I, 8), derselbe, von welchem der Apostel Johannes sagt: dixit eis Jesus: amen, amen dico vobıs, antegquam Abraham fieret, ego sum. Joachim hat also zum Mittelpunkt seines Kreises die Stelle der Bibel Zxodus 3, 14 verwendet, welche lautet: (3,13) Ast Moyses ad Deum: Ecce ego vadam ad filios Israel, et dicam eis: Deus patrum vestrorum misit me ad vos. Si dixerint mihi: Quod est nomen ejus? quid dicam eisPp 3,14 dixit Deus ad Moysen: Ego sum qui sum. Ai: Sic dices flüs Israel: Qui est, misit me ad vos. Nun kennt die jüdische Mystik denselben Gotteszirkel, dessen Nlittelpunkt das Jod (") oder der einfache Punkt ist.13 Das Jod ist aber die gewöhnliche Abkürzung des Gottesnamens Jahwe (bei Joachim Jeve), der ja mit * beginnt (mim) und mit seinen vollen vier Buchstaben (eigentlich blofs drei, weil das rn zweimal darin vorkommt) immer im Tetragramm geschrieben wird. Diesen Gotteskreis, welchen Joachim aus der jüdischen Geheimlehre ent- nommen hatte, übernahm Dante unverändert aus dem Psallterium decem cordarum; er palste offenbar besser zu seiner Theorie des ‚nobile circolo‘ als der hermetische Kreis, weil er der Ausdeutung noch einen weit gröfseren Spielraum gewährte als das von den alten Ägyptern als heilig verehrte Symbol. Es könnten nun Zweifel rege werden darüber, ob Dante, als er sein Jugendwerk nieder- schrieb, das Zsaltersum und die Zxposithio wirklich gekannt hat. Ich halte es für ausgeschlossen, dals Dante sich damit zufrieden gegeben haben sollte, blofs den Namen des als Propheten ge- feierten Joachim zu kennen. Kann man denn auch glauben, dafs der Dichter, ohne seine theologischen Werke zu kennen, dem Abt einen Ehrenplatz unter den gröfsten Kirchenlichtern ein- geräumt hätte? Es bedeutete ja schon an und für sich ein grolses Wagnis, den der Irrlehre verdächtigen Joachim unter die recht- glaubigen Doktores des Sonnenhimmels zu versetzen; denn die Irrtümer des Abtes, z. B. jene, welche das Trinitätsdogma betrafen, waren ja von der 4. Lateransynode verurteilt worden (s. Werner, Der hl. Thomas ]J, 115, A. ı; 1], 161. 193. 208. 2ı1). Andere Bedenken werden vielleicht gegen die Behauptung geäufsert, dals Joachim seinen Kreis der jüdischen Geheimlehre verdanke. Um solche Bedenken zu zerstreuen, ist es notwendig, sich Joachims

„Das Jod, das eigentlich nur durch einen Punkt dargestellt wird, be- deutet das Prinzip, d.h. den Uranfang und das letzte Wesen der Dinge“, Papus8ı: „Avant la creation l’essence divine dtait redrösentde par un seul Doint(.) (de Pauly I, 92 und VI, 25)“ „Le yod est semblable au Loint mathematique“ (Karppe S. 290, 372).

8 FRIEDRICH BECK,

Beziehungen zur jüdischen Theologie und Mystik ganz im all- gemeinen zu vergegenwärtigen. Es ist bekannt, dals Joachim vor seinem Eintritt in das Cisterzienserkloster Sambucina (etwa um 1158) eine Reise ins heilige Land unternahm. Dafs die Reise Studien- zwecken diente, unterliegt wohl keinem Zweifel; höchst wahr- scheinlich hat sich Joachim einige Kenntnisse des Hebräischen !4 angeeignet. Jedenfalls steht eines fest: im heiligen Lande wie in der Heimat hat sich der junge Mann nach seinem eigenen Zeugnis bei erfahrenen Juden Rats erholt (fol. 35v/ı: #2 fradunt peritissimi hebreorum). Für die Auslegung des & und ®, sowie des Namens Jeve ‚quod hebrei legunt Adonay‘ (fol. 35r/ı) benutzte Joachim ein Werk eines Juden, dessen Namen er sogar nennt. Es heifst (fol. 36v/2): Zee sacra trinitatis mysteria que in secrelis secre- forum conlinentur apud judeos palefecit hedreus quidam Petrus nomine, ılluminatus gratia Christi el conversus ad ipsum. Dazu ist am Rande vermerkt: [secrefa] secretorum judeorum, worunter wohl nur der ı3. Teil des Zohar mit gleichem Titel zu verstehen ist. 15 Dieser ‚conversus ılle hebreus‘ war Leibarzt des Königs Alfons L von Aragonien und entfaltete eine rege schriftstellerische Tätigkeit. Moses Sephardi, wie er vor seiner Bekehrung hiels, ist besonders durch seine disciplina clericalis bekannt geworden. Joachim hat bei seiner Erläuterung des Namens eve höchst wahrscheinlich aus des Petrus Alfonsus Dialogi XII cum Moyse Judaeco (Migne, Pi. CLVI, 535 fl. 611/12) geschöpft. Aufserdem werden einige sche- matische Zeichnungen in den Schriften Joachims auf Vorbilder bei Petrus Alfonsus zurückzuführen sein. (Man vgl. die Zeichnung bei Migne l.c. S. 611 mit jener Joachims fol. 226v und fol. 38r und vergegenwärtige sich Dantes Par. 33, 116!)

Diese wenigen Feststellungen werden genügen, um den Leser zu überzeugen, dafs Joachim jedenfalls mit jüdischen Quellen sehr vertraut war; dafs sein Gottessymbol in der Tat auf eine jüdische, der Kabbala entlehnte Zeichnung zurückgeht, wird der weitere Gang unserer Untersuchung lehren. Wenn Joachim das a@ ef © (fol. 257 und oben S.7) auch durch zwei Kreise, die eigentlich nur einen Kreis darstellen sollen, erläutert, so ist es mehr als wahrscheinlich, es ist gewils, dafs sein Vorbild eher bei den Kab- balisten als bei Hermes Trismegistos zu suchen ist. Denn von

16 Fol. 64r.,2 ist zu lesen: quia unus Dei spiritus: qui hebrauce (ul jam

dixi) vocatur rua und fol. 64r.,1: rua que interpretatur spiritus. Fol. ıgır.,2 vermag J. den hebräischen Namen armagedon nicht ins Lateinische zu über- tragen; Dagegen weils er, dafs der Adonay gesprochene Gottesname ‚in hebreo non eisdem caracteribus quibus scrißtum est pronunciatur, sed alıis‘ (fol. 35 v.,I). Auffallend ist das Schweigen Joachims über die wörtliche Bedeutung der einzelnen Teile des Namens eve, i 15 Völlige Klarheit darüber könnte blofs durch das Wiederauffinden der Übersetzung geschaffen werden; sie ist schon fol. 35v.,ı erwähnt worden, wo auch mit Bezug auf den unaussprechlichen heiligen Namen Gottes gesagt wurde, dafs verschiedene „arcana mysteria in secretis secretorum hactenus laluisse dignoscitur“. Ich vermute, dafs die Übersetzung auch das Kreissymbol enthielt mit dem Jod als Mittelpunkt.

DIE 'RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 9

dem letzteren ist bei ihm nirgends eine Spur zu finden. Wenden wir uns wieder Dante zu und versuchen wir seine Worte: Zgo famguam usw. zunächst für sich allein zu betrachten. Unser Haupt- augenmerk muls dabei auf die Schlulsworte ‚Zu autem non sic‘ ge- richtet sein in dem Bestreben, den logischen Gegensatz ‚/u autem non sic‘ in allen seinen Teilen weiterzuführen ;, das Ergebnis zeigt die Gegenüberstellung:

EgO tamquam centrum circuli cu simili modo se habent circumferentiae partes

Tu autem tamguam punclum (vel puncla) cui (quibus) diverso modo se habent circumferenhiae partes.

Diesen Gegensatz zwischen Gott und Mensch bringt die Kabbala durch zwei Kreise zum Ausdruck: der erste ist mit dem Gotteskreis des Joachim identisch und oben (S. 6) bereits er- wähnt worden. Der zweite Kreis, das Symbol des Menschen, zeigt drei Punkte, welche natürlich nicht von allen Punkten der Peri- pherie gleich weit abstehen können. Ich gebe die zwei Kreise nach Papus S. bzw. 140 wieder:

Fig. ı. Fig. 2.

Zu Fig. ı bemerkt Papus: Der Punkt im Zentrum des Kreises versinnbildet die Ureinheit im Mittelpunkt der Ewigkeit, die durch den Kreis, die Linie ohne Anfang und Ende, dargestellt wird.

Zu Fig. 2: Der Mensch setzt sich nach den Kabbalisten aus drei wesentlichen Elementen zusammen: Nephesch, Neschama und Ruach, welche unsere modernen Gelehrten mit Körper, Leben und Willen bezeichnen.

Der Gedanke simill modo diverso modo, welcher aus dem aulem non sic logisch gefolgert werden muls, wird aus den beiden Kreisen auf den ersten Blick vollständig klar. Es ist durchaus nicht unmöglich, dafs Dante die beiden Zeichnungen kannte, ja, dals sie ihm vorschwebten, als er die dunklen Worte niederschrieb. Der orientalische, um nicht zu sagen jüdische Ursprung des Danteschen Gotteskreises liegt noch offener zu Tage als die Ent- lehnung des Joachimschen aus der Kabbala. Vergleicht man die folgenden Stellen des ZoAar mit den entsprechenden Stellen der Göttl. Kom., so findet man nicht blo[s Berührungspunkte allgemeiner

10 FRIEDRICH BECK, .

Art, sondern geradezu handgreifliche Übereinstimmungen. Das metaphysische System Dantes im allgemeinen (das Jod = punkt- förmiges Urlicht als centre des centres der 9 (10) konzentrischen Kreise, bzw. Sephirot) und mehr noch in den einzelnen Teilen ist ein unwiderleglicher Beweis dafür; so ist z.B. das punktförmige Urlicht mit seiner alles überstrahlenden Stärke (Par. 28, ı6f.) ein charakteristischer Zug1® der Kabbala. Die oben (Fig. ı) beigegebene Erklärung beweist, dafs zwischen Jod (") und dem Punkt keinerlei Verschiedenheit besteht. Dieser „Urpunkt“* ruht nach dem Zohar (de Pauly IV, 150/51) auf neun Pfeilern: /e premier mystöre est symbolise par un Yod, Point primitif, appuyd sur neuf piliers gui le souliennent. Ües neuf piliers sont disposes dans les qualre direchons du monde; dazu die Zeichnung:

Sie drückt wohl nur in eckiger Form dasselbe aus, was der Kreis in runder Form darstellt. ° Es heifst dann weiter (de Pauly VI, Notes du tome I", S. 25): Avant la criation lVessence divine E&lail reprisenlee par un seul Point (.),; mais aprds que la semence divine se ful manifestee Ü’essence de Dieuw est reprösenide par Ilrois Points disposis dans tous les sens pour indiquer que celui du milieu forme Ja semence divine, mais que tous cedendant ne sont qu'un. Zeichnung:

18

Nun folgt die für Dante besonders wichtige Stelle (de Pauly I, 129): Il est impossible de connaitre U’ Infini (Ayn Soph) qui est impalpable ; foute question et tloule meditalion resteraient vaines pour saisir Üessence

16 Dieser Zug ist nach Asin (S. 208) auch in der arabischen Mystik vor- handen ; doch scheint mir eine wesentliche Eigenschaft, das punktförmige, auf das Jod hinweisende Ausstrahlen des Gotteslichtes bei dem Murcianer Abenarabi zu fehlen. Jedenfalls stammt das Bild, wie Asin zuerst gezeigt und ich jetzt bestätigen kann, aus dem Orient.

17 Bei Abenarabi ruht der Thron Gottes auf 4, bzw. 8 ‚sostenes‘ (M. Asin Palacios, Abenmasarra y sw escuela 1914, S. 71). Wahrscheinlich ist aber dort der Gottesthron im Sinne des Alcoran von den Himmelskörpern zu ver- stehen (ibid.).

18 Entstehung der Form des Kreuzes?, vel. das sinnige Gedicht von Peire Cardinal, ‚Dels quatre caps‘ (im Grundrifs von Bartsch no. 15) und Vossler, Peire Cardinal, München 1916, S. 64.

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 11

de la Penste supröme, centre du tout,19 secret de lous les secrels, sans commencement et sans fin dont on ne voit gu une petite parcelle de lumiere telle que la pointe d’une aiguille,; et encore ceite parcelle n’est-dle visible que grüce d la forme materielle quelle a prise; car le Verbe a pris la forme des signes de l’alphabet qui dmanent du Point supröme,; die gleichen Gedanken kehren wieder (de Pauly IV, 5/6):

Pod represente le Point central, Cause de toutes choses qui reste cache d tout le monde, qui est inconnu el qui reslera eiernellement inconnu; dest le mystöre supr&me de U’ Infini. De ce Point my- sterieux sort un mince fllet de lumiere qui, bien que cache egalement et invisible renferme Toutes les lumitres.??

Frank (S. 154) falst diese geheimnisvollen Ideen zusammen: „Der unteilbare Punkt (das Absolute), der keine Grenzen hatte und wegen seiner Reinheit und Helle nicht begriffen werden konnte, verbreitete sich nach aufsen und bildete eine Helle, die dem unteilbaren Punkt als Hülle dient. Obwohl diese Hülle nicht so rein wie der unteilbare Punkt war, so konnte sie doch ihres ma[slosen Lichtes wegen nicht betrachtet werden; sie verbreitete sich nach aufsen und diese Ausdehnung ward ihr Kleid. So entsteht alles durch eine immer emporsteigende Bewegung, so hat sich endlich die Welt gebildet.“ An Stelle des Kleides kennt der Zohar auch das Bild des Zeltes als Hülle (Robert Eisler, Welten- mantel und Himmelszelt, München 1910, 11, 603). Vgl. dazu Ps. 103, 2 und Par. 23, ı12 (real manto). Und nun hören wir Dante!

Par. 28,16: Un punto vidi che raggiava lume acuto?! si, che ’l viso ch’ elli affoca chiuder conviensi per lo forte acume:?l e quale stella par quinci piü poca, parrebbe luna, locata con esso come stella con stella si colloca.

Forse cotanto quanto pare appresso alo cigner la luce che ’l dipigne,

18 Vgl. de Pauly II, 504: c’est ainsi que les benddictions de la region appelde „cieux“ ou r6side le Yod arrivent, Par lintermediaire de la Sagesse supräme jusqu’aux justes d’ici bas ... Remarques que la Couronne supröme est formee de soixante-douze lumiöres ... Ces lumidres sont formedesencercle, aulvur duquel se trouve un Point dont tout le cercle tire son aliment; c’est le Saint des saints; c'est le scjour de "Esprit de tous les esprits, ‘est le centre de toutes forces, le Centre du centre, s. Anm. 30!

Vgl. Padre de’ Lumi nach ac. I, 17 im Conv. IV, 20, 39.

21 Par. 33, 76:

Io credo, per l’acume ch’ io soffersi del vivo raggio, ch’ io sarei smarrito, se li occhi miei da lui fossero aversi

Der überhelle Lichtstrahl hat also nicht blofs die Eigenschaft, anfangs das Auge zu blenden, er stärkt ihm auch die Sehkraft und befähigt den Dichter Gott selbst (geistig) zu schauen. Vgl. Par. 29,9; 30, 11; 33, 82,

12 FRIEDRICH BECK,

quando ’] vapor che ’l porta piü & spesso.

distante intorno al punto un cerchio d’igne si girava si ratto, ch’ avria vinto

quel moto che piü tosto il mondo cigne.

E questo era d’ un altro circumcinto

e quel dal terzo, e ’l terzo poi dal quarto usw.

Hier haben wir das Jod (") als unteilbaren Punkt und Mittelpunkt des Gotteskreises und der konzentrisch darumgelagerten Kreise der neun Sephirot oder der neun Engelchöre; der Punkt wird durch seine aulserordentliche Kleinheit als unteilbar, als absolute Eins (unica stella!) gekennzeichnet, die lediglich durch das Ausstrahlen des ungewöhnlich starken Lichtes sichtbar wird. Das Pünktlein gleicht dadurch einem winzigen Sternchen:

Par. 31,28: Oh trina luce che ’n unica stella scintillando a lor vista, si gli appaga!

Auch die Lichthülle, das Kleid oder Zelt, fehlt nicht; vielleicht hat Dante hier aus dem Pseudoareopagiten geschöpft.?? Dieselben Vorstellungen, soweit sie die Lichthülle und konzentrische Kreise betreffen, finden sich nebenbei bemerkt auch bei Parmenides, den Dante entweder aus Boethius, De cons. II, pr. 2 oder aus Cicero, De nat. deorum lb. 1, cap. ıı kannte; er erwähnt Parmenides Zar. 13, 125 und Mon. UI, 4,22. S. Ausg. d. Parm. v. Schoemann, Berlin 1876, S. 54, Papus S. 336 und Rob. Eisler, a. a. O. I, 31, A. 3.

Man kann mit Hinblick auf das Convivso bestreiten, dals die 9 (10) Sephirot Dantes Vorbild gewesen sind; aber in Verbindung mit dem Punkte

Par. 28,4I: 2 ....0.... da quel punto depende il cielo e tutta la natura

mit dem Punto fisso (Par. 28,95), dem alle Zeiten gegenwärtig sind (Par. 17, 17), wo jedes „wo“ und „wann“ zum Punkte wird, d.h. schlechtweg eins und unteilbar, weil sich alles im Wesen Gottes eint, in Verbindung mit dem das überhelle Licht ausstrahlenden Punkte, wofür jedes Vorbild in der christlichen Literatur vor Dante fehlt, gewinnen die 9 konzentrischen Kreise eine Beweiskraft für kabbalistische Einflüsse auf Dante, an welche schon verschiedene Forscher gedacht haben.?3 Asın (208 ff.) hat Abenarabi als Dantes

22 Epist. ad Caium Monachum (angeführt bei Thomas, Summa Theol., Opera, t. X11,218, Rom 1906) ‚sußerpositae Dei tenebrae‘, quas ‚abundantium dumis‘ appellat cooperiuntur omni lumini et absconduntur omni cognilioni und Zpist. ad Hierotheum: Invisibilis quidem Deus est proßter excedentem claritalem.

28 S, die Übersetzung des Paradieses von Bassermann zu 28, 16 und besonders 26,134 und Casini-Barbi (D.C. 1923, S. 983) und Kampers im deutschen Dantejahrbuch 6, 3—40! Wülsten wir nicht dafs die obigen Verse (s. Scartazzini, D.C. zu Par. 28, 42) eine wortwörtliche Übersetzung von Aristoteles sind, so würde Maf. 22,40: in his duobus mandaltis universa lex pendet als Muster vermutet werden,

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 13

Quelle nachgewiesen (vgl. Anm. 16); er schildert jedenfalls die zxsio bealifica wie Dante: „Dios es un foco luminoso que emile rayos de lus“. Mit fast den gleichen Worten wird bei Asın (Abenmasarra 58) auf Philo’s Vorstellung von der Gottheit verwiesen. Dabei beruft sich Asin auf Ritter, Gesch. d. Philosophie alter Zeit, Hamburg 1839, IV, 366f., wo auf des Alexandriners de cherub. 28 und de somn. aufmerksam gemacht wird. Die letztere Stelle palst nicht; die erstere ist bei Mangey (London 1742) 1, 156 zu finden und lautet in der Leipziger Ausgabe (Phrlonis Opera, Lipsiae 1898, I], 234: O yap roö ÖVros 6pdhaluds Ymrös Eripov XO0S xataimpıv od deltaı, aürög d’Ov adpyerunog ady), uvolas axtivas Exßaileı, or ovdeula Eorlv alodmtn, vontal dt ai aänacaı. Bei Mangey 1,579 (= Oßera IU, 165) ist aufserdem noch zu lesen de mutatione nominum 1: Anyn 0: ts xadapwrarng adyiis Eos Eorıv. Diese beiden Stellen weisen aber das charakteristische Merkmal des Punktes mit seiner alles überstrahlenden Leuchtkraft nicht auf, es mülste denn sein, dafs man die erste Stelle (de cherud. 28) insofern gelten lassen wollte, als dp&aAuog = funto verstanden werden könnte (s. Anm. ı6). Für Dante kommt also Philo nicht in Betracht; ebensowenig kann von einer mittelbaren oder gar unmittelbaren Bekanntschaft des Dichters mit den Neuplatonikern, besonders Proklus und Plotinus, die Rede sein. Seit 1268 hatte zwar Wilhelm von Mörbeke in Viterbo seine Übersetzung des Proklus angefertigt, aber wahrscheinlich hat sie Dante nicht gekannt; sonst würde er Proklus irgendwo einmal erwähnen. Aber es ist in Dantes Werken von ihm ebensowenig die Rede wie von Plotin. Die Enneaden des Plotin (und gerade diese, VI, Buch 8, cap. ı8 kämen in Frage) waren aber im Mlittelalter nicht bekannt (de Wulff, Gesch. d. mittel- alterlichen Phil., übersetzt von Dr. R. Eisler, Tübingen 1913, p. 54) und beim hl. Augustin wird wohl Plotin flüchtig erwähnt, aber der Gotteskreis und, was die Hauptsache ist, das punktförmige Urlicht fehlt, weil es auch bei Plotin (Zrz. VI, 8, 18) fehlt ?4 (vgl. für Proklus H. Koch, Pseudodionysius Areopagita, Mainz 1900, S. 82—85; 150 151; 248—249). Bei den Vermittlern der neuplatonischen und orientalischen Ideen wie bei dem Pseudoareopagiten Dionysius, Joachim v. Floris, dem hl. Ambrosius, dem hl. Hieronymus, welche Dante wohl kannte, ist für den Ursprung des Gotteskreises nichts zu finden, bzw. bis jetzt nichts davon bekannt geworden; nur Joachim macht eine Ausnahme. Seine Wege führen aber in die grübelnd-phantastische Welt der’jüdischen Mystik.

Auch ohne jede Kenntnis des Hebräischen konnte Dante aus dem Gotteskreis Joachims mit dem Mittelpunkt Zeve, bzw. der Über-

% Die Bebauptung Lubin’s in Scartazzinis D. C. zu Par. 28,42: ‚il simbolo Doi del Punto glielo somministrö St. Agostino‘ habe Ich auf ihre Richtigkeit nicht nachprüfen können. Ich bezweifle sie aber sehr. Sonst hätte der hl. Thomas von Aquin für sein Zumen divinum (= vivo raggio Par. 33, 76) nicht auf Alfarabi, Avicenna, Avempace und Averroes zurückgreifen brauchen (Asin 210), Vgl. Thomas, Summa theol, supplem., 38° part., q. 92, 8, I,

14 FRIEDRICH BECK,

setzung davon —= Zgo sum gu: sum entnehmen, dafs der „unaus- sprechliche* Name mit einem Jod, dem punktähnlichen Buchstaben », begann, welchem in seinem ‚Latino‘ ein I (J) entsprach; dieses wurde dann je nach Bedarf bald als Eins, bald (nach jüdischer Gepflogenheit) als Abkürzung des Gottesnamens gedeutet. Dante läfst Adam sagen:

Par. 26,134: Pria ch’ io scendessi a 1’ infernale ambascia I s’appellava in terra il sommo bene

Es ist also nicht etwa an einen von Dante erfundenen Namen zu denken, wie Barbi-(Casini) (D.C. 1923, S. 983) meint; vielleicht fiel auch für Dante der Umstand ins Gewicht, dafs I der höchste Laut in der Stufenleiter der Selbstlauter ist. Sicher ist nur das Eine, dafs sich der Zahlenwert des römischen Buchstabens für die religionsphilosophischen :Gedanken der simßlex unıtas vortrefflich eignete. In dem nodile circolo, dem würdigsten Symbol der Gottheit, sind (abgesehen von der schon erwähnten unilas und frinilas) ver- sinnbildet: Unveränderlichkeit, Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit, Unendlichkeit, Allgegenwart (örtlich und zeitlich), « und ®, ohne Anfang und Ende oder in die Sprache der Scholastik übertragen primum agens et ullimus finis. Die einzelnen Teile des Gotteszirkels sind mannigfach ausgedeutet worden, z.B. ist nach Plotin das Zentrum Gott, die Punkte der Peripherie sind die Geschöpfe, welche vom Mittelpunkt abhängig sind, während jener sie zur eigenen Existenz nicht braucht (Asin 338 und Zar. 19, 88—90). Wie die Eins jede Zahl entfaltet und in jeder Zahl enthalten ist, so ist Gott im Kosmos allgegenwärtig; wie der Kreis sich aus dem Mittelpunkt zu Radius und Peripherie entfaltet, so sind die drei göttlichen Personen Vater (Mittelpunkt), Sohn (Radius = Logos) durch den hl. Geist (Peripherie) zur hl. Dreieinigkeit zusammen- geschlossen.?° Diese und ähnliche Spekulationen findet man fast allenthalben und zu jeder Zeil. Aufser dem schon erwähnten Kircher verdienen hervorgehoben zu werden der deutsche Kardinal Nicolaus v. Cues, an dessen Studien Dante seine helle Freude gehabt haben würde, und Giordano Bruno, dessen hübsches Sonett in der Übersetzung von Carriere abgedruckt ist bei Schwarz (1913, I, 457 [Cues] und 519 [G. Bruno]); der Anfang lautet:

„Ursach und Grund und Du, das ewig Eine, Dem Leben, Sein, Bewegung rings entflielst,

Das sich in Höh’ und Breit’ und Tief’ ergiefst, Dafs Himmel, Erd’ und Unterwelt erscheine!

Mit Sinn’, Vernunft und Geist erschau’ ich Deine Unendlichkeit, die keine Zahl ermilst,

Wo Mitielpunkt und Umfang allwärts ist;

In Deinem Wesen weset auch das meine.“

25 Vgl. Bassermannn’s Übersetzung des Paradieses zu 13, 55 f. und 28, ı6 ff,

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 15

Die Betrachtung des punktförmigen Urlichtes (Par. 28, 41), „von welchem der Himmel abhängt und die ganze Natur“ klärt eine Stelle im Briefe Dantes an die italienischen Kardinäle auf (Jesto eritico XlI,2, S.431) „guod guidem de specula punctali eternilatis inluens qui solus elernus est, menlem Deo dignam viri! prophetici per Spiritum Sanctum sua tussione impressil* wird von Toynbee (Danitis Alagheriü Eßistolae, Oxford 1920) wiedergegeben: „And when He, who alone is eternal, beheld this thing from his eternal watch-lower on high, by his Holy Spirit He laid His command upon Ihe mind.“ In der dazugehörigen Anm. 4 sagt er: fPresumably from functus, in Ihe sense of ‚at Ihe point‘, ‚at the summit‘, hence ‚exalled, sublime‘. ] have not been able to meet wilh anolher instance of the word. For the expression, cf. Ep. VO, 136—7: de specula summae_ celsitudinis. Toynbee hat offenbar mit der ‚punktförmigen Warte‘ nicht zurecht kommen können; besser erklärt Monti (Zeitere di D., Milano 1921, S. 262): dalla vedetta che s accentra in un punto dell’ infinıto nello spazio e nel tempo, aber eine ganz klare Vorstellung von dem Punkt oder ‚Sternchen‘, um welche sich konzentrisch die neun Kreise der Engelchöre drehen, welchen in der Kabbala die 9 (10) Sephirot entsprechen, scheint auch Monti nicht zu haben. Nebenbei sei noch bemerkt, dafs Z3. XI, 2 und mehr noch #2. VIII, 136 einen Gedanken von Thomas v. Aquin wiedergibt, welcher geschrieben hatte: Deus qui de aeternilatis excelso omnia respicil (Boffito im Giorn. stor. d. lett. it. Suppl. no.6, 1903, S. 24 Anm... Der Raum- mangel zwingt mich zum Verzicht auf jene Stellen bei Dante, welche seine Beziehungen zum hermetischen Bilde klarlegen könnten (s. übrigens Anhang II). Derselbe Grund verbietet mir, auf die Erklärungen des rätselhaften Bildes im einzelnen einzugehen, welche in den letzten Jahrzehnten gegeben worden sind. Es würde sich auch deshalb kaum verlohnen, weil manche Auslegung nur eine mehr oder minder glückliche Variation älterer Kommentare bietet. 26 Ich verweise darum den Leser auf die bekannten besten Ausgaben von d’Ancona, Casini, Scherillo und besonders Melodia (s. auch Anhang II). Für die Erklärung der Worte und des Symbols gelten die folgenden Richtlinien:

ı. Der Sire de la Nobillade, die Quelle aller Vollkommenbeit, ist Amor, d.h. Gott??T; ihm allein ist der nodile circolo angemessen. Dieser vollkommene, Gottes würdige Kreis ist eine sphaera intelligibilis.

%# Im Gefolge Giuliani’s, dessen Leitgedanke die Stelle III, 6 des Propheten Malachias: Zgo enim Dominus et non mutor, et vos fili Jakob non estis consumti hätte sein können, befinden sich z. B. Costero, Romanelli, Fassini, Perini, Godefroy, Pascoli, Pietrobono u. a. Giuliani’s Worte: „zo rimango sempre lo stesso, non mi mulo mai“ ecc. sind von della Giovanna (Frammenti di studi dant. 1896, S. 2) widerlegt worden.

327 Dagegen spricht Salvadori (S. 148): Nella Vita nova Amore non 2 mas confuso con Dio und schüchtern fragt Pascoli (Mir. Visione 2a, ed. S.45—46): Z incluso nel paragone di Dante il concetto che amore sia Dio stesso?;, u Zs. XL, 260 und Y.N.$ 3,9 und 42,

16 FRIEDRICH BECK,

2. Das fu autem non sic setzt die Vollkommenheit Gottes in Gegensatz zur Unvollkommenheit des Menschen ; göttlicher Intellekt und menschlicher Verstand, Schöpfer und Geschöpf, speziell Gott und Dante werden einander gegenübergestellt (Par. 19, 81; Conv. IV, 5, ı—5 und 51— 58). Auf geistigem Gebiete, auf dem Gebiete des Wissens, muls sich dieser Gegensatz offenbaren; wäre dem nicht so, so könnte der Mensch überhaupt nicht mit der Gottheit in ein bildhaftes Verhältnis gebracht werden, wie es in dem Ver- gleich der Symbole und des daraus entspringenden Gegensatzes der Fall ist. Der harmonischen Allwissenheit Gottes steht das ärm- liche Wissen des Menschen gegenüber; und selbst diesem „Stück- werk“ sind bestimmte Schranken gezogen, deren Überschreitung, wie das Schicksal des ersten Menschen zeigt, sündhaft ist.

3. Die Verfehlung Dantes, »o:a (8 ı2, 34 —38), muss darum auch auf geistigem, religiösem Gebiete liegen; sie ist ein ungestümes Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntnis der Glaubenswahr- beiten durch die Vernunft ($ 12, 36 non domandare piü che utıle ti sia); sie hat zur Folge die Einstellung des mystischen Grufses Beatricens, d. h. es verschliefsen sich dem unerlaubten, weil ungezügeltem Wissenstrieb neue Erkenntnisse; dadurch wird Seelenheil (salute) und Glückseligkeit des Dichters gefährdet. Dafs die beiden donne schermo alles andere, nur nicht wirkliche Frauen waren, sondern allegorische Vorgängerinnen der Donna gentile, scheint mir bei dem mystischen Charakter des Jugendwerkes aufser Zweifel zu sein. Melodia hat als erster unter den Herausgebern der V. N. zu $ ı2, 30 die Bibelstelle ad Rom. XU, 3 angeführt: Dxo enim per gratiam quae duta est mihi omnibus qui sunt inter vos: Non plus sapere quam oportet sapere,?8 sed sapere ad sobrietalem, ei unicuique, sicut Deus divisit mensuram fide. Dante hat diesen Rat des Römerbriefes wiederholt im Conv. IV, 13, 59 und ergänzt Conv. II, 15, 70: e Derd Z’ umano desiderio & misuralo ın questa vila a quella scienza che qui avere si fud. Aus den gleich folgenden Stellen klingt das ‚fl che ulıle 4 sıa‘ und das ‚non domandare‘ deutlich heraus: im ersten Brief an die Korinther 1 Cor. 12,7: Unicuique autem dalur manı- festatio Spiritus ad utilitatem, und Zclus. I, 22, in Dantes Über- setzung (Conv. 11, 8,13): Pin alte cose di te non domanderai e pi /Jorti cose di te non cercherai; ma quelle cose, che Dio li comandb, Pensa: e in Piü sue opere non sia curioso. Den anschlielsenden Vers 23 übersetzt Dante nicht mehr: non est enim hbi necessarium ea quae abscondita sunt, videre oculis tus (vgl. Zecks. 7,17); aber der Vers

28 Darunter versteht Hugo von St. Victor das Streben mit der Vernunft Dinge begreifen zu wollen, welche die Kraft der menschlischen Vernunft über- steigen (Migne, ?. 2. 175, S. 897). Die jüdischen Religionsphilosophen Maimo- nides und Ben Sirach verwerteten in diesem Sinne die Stelle Prov. 25,27: Sicus qui mel multum comedit, non est ei bonum, sic qui scrutator est majestatis, opprimelur a gloria und Prov. 25, 16: Mel invenisti; comede, guod suffcit tibi, ne forte satialus evomas illud (mel doctrina sapientiae, Prov. 24, 13), (Karppe S.23, 41, 211, 553).

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 17

rundet das Bild ab. Er enthält die Mahnung: xlorevoov, credi e non disculere (Giorn. st. d. lett. it. 23, 396). Der Dichter hatte sich mit der ‚nosa‘ des frapassar del segno schuldig gemacht (Zar. 26, 117), weil er über seine menschliche Natur hinauswachsen wollte (frasu- manar Par. 1,70). Nun wirkt aber das Geschöpf dadurch dem Schöpfer entgegen:

Purg. 17,100: ma quando al mal si torce, o con piü cura o con men che non dee corre nel bene contra ’l fattore adovra sua fattura.

Der Zohar (de Pauly V, aıı) lehrt, dafs es verboten sei, in die Geheimnisse einzudringen, die Gott sich vorbehalten hat: „uns und unseren Kindern gehört nur, was geoffenbart worden ist“ (Deuteron. 29, 29). Die alte Überlieferung verbietet dem Menschen, vom Baume der Erkenntnis zu essen. Da nun Gott allwissend ist, ist unmäfsiges, unerlaubtes Streben nach Wissen ein Eingriff in seine Macht (Karppe S. ı1). Es ist eine Vermessenheit, sagt Dante, nach dem Grunde zu forschen, warum uns Gott in diesem Leben manche Einsicht versagt hat; denn er erschuf unsere Vernunft und wollte, dafs sie geringer sein solle als seine Macht (Cozv. II, 4, 74 und Ill, 7,123; vgl. Zurg. 3,34—39 und (Questio de aqua el lerra XXII im esto critico S. 478). Der Grund, weshalb Amor weint, hängt mit dem Widerstande zusammen, welchen Dante seinem Schöpfer gegenüber geleistet hatte. Zwar unmittelbar wurde von der noia nur jene donna-schermo betroflen, um welche nach Amors Willen der Dichter sich bemühen sollte ($ 9,23); aber mittelbar trifft die Unbill Beatrice und Amor selbst. Hatte Dante nicht dem Signore de la Nobiltade passiven Widerstand geleistet, als dieser ihm unter Seufzern nahe legte, es sei nunmehr Zeit von der Schein- liebe (simulacra) abzulassen? (3 ı2, 15—2ı). Hatte nicht dieser Amor-Gott vergeblich „irgendein Wort“ (der Zustimmung) erwartet und darum bitterlich geweint? ($ ı2, 19— 20).

Das würdigste Symbol Gottes im Weltall ist die Sonne il Sole corporale e sensibile —; il Sole spirituale e intelhigibile & Dio (Corv. II, ı2, 37—50). Eine Quelle nicht materiellen, sondern geistigen Lichtes ist es, aus welcher die heilige Liebe im Feuer- bimmel hervorstrahlt (27. XTU, 24 = testo eritico S. 443).

Nun ist der Gotteskreis offenbar nichts anderes als ein künst- lerisch stilisiertes Sonnenbild; statt materieller Sonnenstrahlen sendet sein Mittelpunkt, das punktförmige Urlicht, Strahlen geistigen Lichtes, geistiger Liebe, geistigen Lebens aus. Im Verhältnis zu diesen unzähligen Strahlen, welche die sich offenbarende ‚erste Liebe‘, der göttliche Urpunkt, aussendet, ist der menschliche Verstand etwa einem einzigen Strahl vergleichbar; der göttliche Intellekt erfüllt das All, des Menschen Blick reicht nur eine Spanne weit:

Par. ı9, 53: Dunque nostra veduta, che convene esser alcun de’raggi de la Mente | Zeitschr. f. rom. Phil. XLVLI. 2

ı8 FRIEDRICH BECK,

di che tutte le cose son ripiene,

non pd da sua natura esser posscnte

tanto, che suo principio non discerna molto di da quel che 1’ & parvente,

79 Or tu chi se’ che vuo’ sedere a scranna, per giudicar di lungi mille miglia con la veduta corta d’ una spanna?

Auf Grund des vorstehenden Beweisstoffes muls die Erklärung der lateinischen Worte lauten: Ich bin der Signore de la Nobiltade, d.h. der Herr jeglicher Vollkommenheit (als cenitrum circuli). In mir konzentriert sich alles Wissen, weil jeder Punkt der Peripherie in meinem Banne steht, von mir gleichmälsig umspannt und begriffen wird (J/ddio che solo colla infinita capacıta U’ Infinito comprende Conv. IV,9,ıgf.). Ich bin der Allwissende, meinem unendlichen, schranken- losen Geist ist keine Grenze gesetzt; dagegen ist dein menschlicher Horizont beschränkt auf die deiner immer werdenden und ver- gehenden Natur entsprechende Erkenntnis. Über diese deine Fassungskraft hinaus sollst du nicht forschen wollen: es ist sträf- liches und schädliches Beginnen.

Natürlich beruht diese Erklärung auf der Voraussetzung, dafs Amor und Gott Wechselbegriffe sind. Da aber, wie oben Anm. 27 erwähnt wurde, diese Voraussetzung bestritten wird, muls sie als richtig, dagegen die Theorie von Salvadori und Genossen als falsch erwiesen werden. Fragen wir uns zunächst, was denn der ‚giovane vestito di bianchissime vestimenta‘ ($ ı2, ı1) bedeuten soll, wenn er keine Verkörperung Gottes sein soll? Ein Engel des Herrn wie Conv. IV, 22,125 und 130, lautet die Antwort. Wo und wann erscheint aber einmal der Kreis als Symbol eines Engels? Wie kann sich ein solcher Engel Signore de la Nobiltade nennen? Wie kann er Dante gegenüber von simwlacra nostra sprechen? Nein; der Jüngling im weifsen Lichtgewande ist derselbe, der den Dichter in seinen Traumgesichten oftmals ‚Ad mi‘ genannt hat ($ ı2, 18). Solche Visionen werden aber vorher nur in den 8$ 3 und 9 erzählt. Der Amor dieser beiden Visionen ist derselbe wie jener des $12: Gott ist der ‚dolcissimo signore‘, welcher den Dichter durch Beatrice be- herrscht ($ 9, 10) und ihm ‚/eggeramente vestilo e di vil drappi“ erscheint ($ 9, 13), aber kein Engel. Noch viel weniger kann man bei dem signore di pauroso aspelto in der Feuerwolke ($ 3,5) an einen Engel denken. Wie könnte man sich vorstellen, dals ein Engel Beatrice nackt in seinen . Armen hielte? (8 3,9f.). Deutlich genug sagt uns Dante, wer dieser Signore war: es ist der Herrgott, welcher in der Y. N. $ 3,9 genau dieselben Worte spricht, die er zu Moses spricht nach Zx. 20,2: Ego sum Dominus luus; es ist derselbe Herr, welcher sich in der Vision Jakobs zu erkennen gibt: Ego sum Dominus Deus Abraham, palrıs tu, el Deus Isaak (Gen. 28, 13); es ist derselbe Herr, von welchem der Lebensgeist zitternd

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. Ko

sagt: Zece deus fortior me qui veniens dominabitur mihi ($ ı, 18). Auf diesen Herrn passen wohl der pauroso aspelto (8 3,5) und die lateinischen Worte; sie deuten auf die Gottesfurcht, welche den Menschen zur Befolgung der Gebote Gottes zwingt „uf fimeas Dominum deum tuum el custodias omnia mandala et pracecepla ejus (Deuter. VI, 2). Vielleicht klammern sich die Verfechter der irrigen Auslegung noch an einen letzten Einwand: es sei nicht möglich, dafs der Herrgott in so verschiedener „Maske“ und bald als jung, bald als alt dargestellt werde; denn der in der Feuerwolke erscheinende, schrecklich anzusehende Signore könne nicht derselbe sein wie der Jüngling im schneeweilsen Gewande.

Darauf lasse ich den Pseudoareopagiten Dionysius antworten 29: „„Der „Alte der Tage“30 wird Gott genannt, weil er aller Dinge Ewigkeit und Zeit ist, zugleich aber vor den Tagen, vor der Ewigkeit und vor der Zeit besteht. Man mufs aber Zeit und Tag und Zeitabschnitt überhaupt und Ewigkeit gottgemäfs von ihm gebrauchen, als der in aller Bewegung unwandelbar und unbewegt, und in dem ewigen Bewegtsein immer in sich selbst bleibet, und der Ewigkeit, der Zeit, der Tage Ursächer ist. Deshalb wird er auch in den heiligen Gotterscheinungen mystischer Ge- sichte als Greis und als jung dargestellt; das erste, um den Alten zu bezeichnen, der von Anfang ist, das andere um den anzudeuten, der nie altert, oder beides soll lehren, dafs er vom Anfang an bis ans Ende durch alles durchgehe, oder, wie unser göttlicher Lehrer sagt, beides offenbart das Alter Gottes, der Alte nämlich deute aufs Erste in der Zeit, der junge aufs Ältere nach der Zahl. Denn die Monas und was um die Monas herum ist, hat eine höhere Stelle, als die weiter herausgegangene Zahl.“ *

Es gilt noch Bedenken zu widerlegen gegen die obige Be- hauptung (S. 54), dafs Amor in den 88 3, 9, 12 immer der Gleiche, d.h. Gott sei. Nun wird der signore di fauroso aspello der Prosa (8 3, 5) im Sonett (8 3, 45—49) vom Dichter selbst als Amor erklärt:

quando m’ apparve Amor subitamente, cui essenza membrar mi orrore. Allegro mi sembrava Amor etc.

Ebenso erfahren wir aus dem Sonett (8 9, 37), dals der ‚dolcissimo signore‘ des Prosatextes ($ 9, 10), 2 gual mi segnoreggiava per la virtü de la genlilissima donna,?! ne la mia imaginazione apparve come peregrino‘ unser Amor ist:

9 de div.nominibus cap. 10, $ 2 (bei Engelhardt, Die angeblichen Schriften des Areopagiten Dionysius, Sulzbach 1823, ı. Teil, S. 145).

% Das ist die gewöhnliche Bezeichnung Gottes im Zohar; sie geht wohl zurück auf Daniel 7,9: antiguus dierum sedit: vestimentum ejus candidum quasi nix el capıli capılis ejus quasi lana munda, Ihronus ejus flammae ignis accensus,

ss Vgl. $1,29f. und $ 12,41.

2*+

20 FRIEDKICH BECK,

Trovai Amore in mezzo de la via in abito legger di peregrino.

Aus 8 ı2,8: Amore, aiuta ıl tuo fedele, aus $ ı2, 16: simulacra nostra, d.h. die Scheinliebe zu den beiden donne-schermo, welche vom Dichter auf Befehl Amors angeknüpft wurde,3? aus $ 12,41 (=$ 9,10 und $ ı, 29f.), d.h. der Bezeichnung ‚Signore de la Nobiltade‘, welcher durch Beatrice den Dichter beherrscht, geht in Verbindung mit der Bedeutung des Gotteskreises klar hervor, dafs Amor-Gott überall die treibende Kraft der Liebe des Dichters ist; eine aus- drückliche Bestätigung liefern auch die Verse der Ballade 8 ı2, 59 und 67, 89, welche den Ratschlägen Amors ($ ı2, 38 ff.) entsprechen. Das Schlufsergebnis der Studie ist: Unter Amor ist in Dantes Jugendwerk jedesmal Gott zu verstehen, wenn er als Person handelnd eingeführt wird. Es ist undenkbar, den Danteschen Amor mit dem heidnischen Cupido gleichzusetzen,3® wie es zuletzt Labusquette (S. 616, 621, 673 ‚Cupidon christianise‘) getan hat. Nicht als ob man sich an der Anpassung an die heidnische Überlieferung zu sto[sen bräuchte; im Gegenteil, sie ist bei Dante gar nicht so selten (s. Anhang 1V). Aber die Vermengung von Heiligem und Profanen, welche oft zu einer frivolen Verletzung der religiösen Empfindungen führen muls, ist Ärgernis erregend und, vom wissenschaftlich- kritischen Standpunkt des Danteforschers aus betrachtet, ein un- verzeihlicher Fehler der realistischen Auslegungsmethode. Was soll man zu Sätzen Labusquette’s sagen, wie z.B. dafs bei den Dichtern des dolce stil nuovo „Cupidon y coudoie le Christ un peu familierement“ (300), oder gar, dafs der Dantesche Amor neben anderen heiklen Funktionen besonders den Beruf eines „roz des entremelteurs“ (310) ausübe, dals „sa fonclion est d’unir lhomme et la femme et, pour alleindre le but, tous les moyens lui sont bons (!!) ... ıl conseille l’im- moral (|!) expedient du schermo*? Nur ein Realist (und L. ist einer von der gemälsigten Richtung) kann auf solche Ideen kommen, welche mit Dante gar nichts mehr gemeinsam haben. Dante’s eigene Erfahrungen und die Lehren seiner Vorgänger, der Trou- badours, werden beiseite geschoben oder nicht beachtet; wie wäre es sonst möglich, dafs solche Verirrungen, deren Folgen zu offenem Widersinn führen, immer noch gläubige Anhänger finden? Hat

s2 Beim Durchlesen des $ 5, ı6f. gewinnt man den Eindruck, Dante habe aus freien Stücken der ersten donna schermo eine crheuchelte Liebe bezeigt, um dadurch seine wirkliche Liebe zu Beatrice zu verschleiern. Dieser Eindruck ist trügerisch: Amor war auch schon das erste Mal die Triebfeder dieser ‚Leidenschaft‘. Denn es heifst $ 9,10: e Derö quello cuore ch’ io ti facea avere a lei, io Ü’ho meco etc.

88 Das sehr umfangreiche Buch hat trotz seiner Mängel auch seine Vorzüge: es ist jedenfalls verdienstvoll, dafs L. den ernsten, aber mifslungenen Versuch unternommen hat, völlige Klarheit über den Begriff Amore zu schaffen. Viel- leicht finde ich noch Zeit, an anderem Orte darüber zu sprechen. Hier sei nur auf die mifslungene Auslegung des Gotteskreises hingewiesen; L. sieht in dem Kreisbild das Glücksrad (!), S. 624 ff.

s Man ziehe einmal die logischen Schlufsfolgerungen aus dem $ 24; wird dann, wenn Amor ein ‚entremetteur‘ ist, nicht Beatrice zur Kupplerin ?!

DIE RÄTSELHAFIEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 21

nicht Dante an sich selbst erfahren ($ 13, 6), dafs „duona 2 Ja signoria d’Amore perö che irae lo 'niendimento del suo fedele da tutte de vili cose*? War es nicht oberster Grundsatz der Troubadour- poesie, dafs die Liebe der Antrieb zu allen edlen Hand- lungen sei? Ich eile zum Schlusse; wer meine Auslegung des $ ı2 für richtig anerkennt, mufs die Überzeugung gewinnen, dafs die realistische Methode keine Daseinsberechtigung mehr haben kann. Amor ist Gott und die Göttlichkeit Beatricens®s ist (wegen der Folgerungen aus $ 24) nicht mehr zu bezweifeln. Der Gegensatz zwischen der angeblich historischen Beatrice des Neuen Lebens und der „verklärten* Beatrice der Göttl. Kom. ist nur durch die Schuld der Erklärer geschaffen worden, besteht aber in Wirklichkeit gar nicht. Das Jugendwerk Dantes ist ein mystisch- religiöses Buch, wie es von einigen einsichtigen und unbefangenen Erklärern immer schon behauptet worden ist. Es ist ein Irrtum zu glauben, dafs man ein solches Werk mit der historisch-realistischen Methode jemals werde erklären können.

Anhang.

L

Alanus ab Insulis (Migne, Pair. lat. CCX, 627, Reg. VII).

Deus est spaera inlelligibilis, cujus centrum ubigue, circumferenlia nusgquam.

„Hanc probat ılla regula, qua diclum est „„solam monadem esse alpha et omega“* |d.h. die vorhergehende Reg. V]: ex co enim quod principio carel el fine, Deus spaera dicitur: proprium enim spaericae formae est principio el fine carere. Sed non est spaera corporalis, imo intelligibilis (vgl. Corv. Hl ı2, 39). Cum enim Deum spaeram esse dicimus, non oportel nos deduci ad imaginalıones, uf imagınemur eum esse spacram ad simililudinem corporum, sed, duce intelligenlia, ea ralıone intelligamus ipsum Deum esse spaeram, quia aeternus est ... O magna inter spaeram corporalem et in- telligibilem differentia / Im spaera corporali centrum propler sul parvi- falem vix alıcubi esse berpenditur, circumferentia vero in Pluribus locıs

35 Erst jüngst bat Barbi (in seinen Studi danteschi X, 20 A.) über $ 24, 31 -—32 gehandelt. Come va intesa, fragt er, J’ affermasione ‚ha nome Amore‘? Come un pensiero momentuneo, per dare una lode a Beatrice. Unwillkürlich denkt man dabei an einen Anlals wie 8 5, 25,: wo sich zum ersten Male als Zweck der Dichtung das Lob der Geliebten offenbart (Jar che sia loda di lei); nach Verweigerung des Grufses wird die Not zur Tugend, der angebliche Zufall des $ 5 zum System, welches von $ 19 bis zum Ende 'durchgeführt wird. Den Kern der Sache, warum in dieser Benennung ein Lob Beatrice’s liegen müsse, berührt Barbi gar nicht. Er ist offenbar in Verlegenheit, wenn er die Frage beantworten solite, inwiefern die Gleichstellung der Geliepten mit Amor für Beatrice besonders schmeichelhaft ist. Mit ein Paar Worten (un Densiero momentaneo), die nichts besagen, wird der Kernpunkt der Frage umgangen; aber über das Wesen Amoıs verliert Barbi kein Wort.

22 FRIEDRICH BECK,

esse comprehendilur. In inlelligibili vero spaeral cenirum ubigue, circumferentia nusquam. Cenlrum dictur creatura, quia sicul fempus collatum aeternilati repulatur momentum, sic crealura im- mensilali Dei comparala, punctum, vel centrum. Immensitas ergo Dei circumferentia dicitur, quia omnia disponendo quodam modo omnibus circumfertur el omnia infra suam immensilalem complechtur. Hae ceiiam alıia differentia inter spaeram corporalem el in- telligibilem quia spaerae corporalis centirum immobile, circumferentia mobilis; in spaera intelligibili contra, quia Deus stabilis? manens dat cunca moveri.“

Bei der Ausdeutung des Bildes nehmen die der Gottheit in den Mund gelegten Worte Zgo famguam ... lu autem non sic nicht, wie hier bei Alanus, Bezug auf die Gegensätze Ewigkeit und Augenblick, Unendlichkeit und Kleinheit, sondern Schöpfer und Geschöpf werden einander gegenübergestellt vom Standpunkte des Wissens, weil ja Dantes Verfehlung auf diesem Gebiete liegt. Darum wird aus dem aufserordentlich deutungsfähigen Bilde nur die eine Eigenschaft der Unvollkommenheit, Unzulänglichkeit, das Stückwerk des menschlichen Wissens hervorgehoben, welches sich nicht erkühnen darf, die ihm gesetzten Schranken zu durchbrechen und so der Allwissenheit Gottes sich an die Seite stellen zu wollen.

Nirgends wird bei Dante der Punkt als Symbol des Menschen verwendet, der sub specie aeternilalis gesehen ‚nec Punch quidem /öcum‘ einnimmt (Joh. v. Salisbury bei Migne, Zafr. lat. 199, Poli- craticus lib. IV, cap. ı0, S. 532); er ist vielmehr immer das Symbol Gottes.

Alexander v. Hales (Doctoris irrefragabilıs Domini Alexandri de ales ... pars prima summe theologice ... Antoni Koburger 1510) pars I, qu. 7, membrum ı schlielst eine längere Erörterung über die bildliche Darstellung des snfellectus creatus und der divinae substantiae simplicilas mit den Worten: propter quod dieit Tri- megistus (sic!) deus est sphera intelligibilis cujus centrum est ubique, circumferentia nusquam.

Mit Danteschen Gedankengängen hat die Stelle keine Be- rührungspunkte.

Bonaventura (Ifmerarium mentis ad Deum cap. 5; in der Ausg. S. Bonaventura, Oßerum t. septimus, Lugduni MDCLXVIN, S. 133, col. 1):

Rursus revertentes dıcamus, quia ıgilur esse purissimum et abso-

/utum, quod est simplieiter esse, es! primarıum, el novissimum, ıdeo est

1 Genauer drückt Alanus den Gedanken aus De articulis catholicae fidei, lib.ı, XXI „Deus igitur essentialiter est ubique, nusguam aulem localiter.

2 Der Vers lautet bei Boethius, de consolatione philosophiae, lib. III, 9: Ipse manens stabilis dat cuncta moveri. Alanus führt denselben Vers auch an confra haereticos Ill, 4.

DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 23

omnium origo et finis consummans. Quia acdternum & pracsentissimum, ideo omnes durationes ambil el inlral, quasi simul existens earum cenlrum el circumferentia. (uia simplicissimun et maximum, ideo fofum ınlra omnia el lolum exira omnia, ac per hoc est sphaera intelligibilis cujus cenirum est ubigque el circumferentia nus- guam. Quia actualıissimum et immutabilissimum, ideo ‚stabile manens moveri dat universa’ (s. oben die Stelle aus Alanus A. 2).

IL Par. 14, 30: Quell’ Uno e Due e Tre che sempre vive, E regna sempre in Tre e Due ed Uno, Non circonscritto, e tutto circonscrive.

Johannes Damascenus, De fide orthodoxa (Migne, Zatr. gr. XCIV, 8534):

Circumscriplum hoc est quod loco vel'tempore vel anımi per- ceptione comprehenditur: incircumscriptum aulem quod nullo horum conlinetur. Quamobrem solus Deus incircumscriptus est qui Drincipio et fine careat, alque omnia complectatur (nepıLEyov), nullatenus ipse comprehensus (nepLexöuevog).

Philo (Siegfried, PA. v. Al., Jena 1875, S. 207): ... orı 6 usv HEeög oUgl noV' OB ydap repiegerar AAAa REpLeyeı räv, leg. allg. UI, ı7. 1,97; 3. Purg. 11,2 (Scartazzini).

Dante, Zpist XI, 25 (Testo eritico 443, 69): Quod autem de divina luce plus recipiat, potest probari per duo: primo, per suum omnia conlinere el a nullo continert.

Alanus de Insulis (Anticlaudianus lib. 5, cap. 3):

Nec solum loca cuncta replet sed singula solus Infra se claudit, quasi meta locusque locorum ... Principium sine principio, finis sine fine

ee 2 2 00. . Siae tempore durans Immensus sine mensura.

Purg. ıı, 2: O Padre nostro, che ne’cieli stai, Non circonscritto, ma per piü amore Che a’ primi effetti di lassü tu hai.

Conv. IV 9,22:

Dunque la giurisdizione della natura universale & a certo termine finita, e per conseguente la particolare: e anche di costei egli £ limi- tatore Colui che da nulla 2 limitato, ciod la prima Bontd, ch’ 1lddio, che solo colla infinita capacitd |’ Infinito comprende.

24 FRIEDRICH BECK,

Par. 27, ıı2:

E questo cielo non ha altro dove

Che la mente divina, in che 3’ accende

L’ amor che il volge, e la virtü ch’ ei piove.

Luce ed amor d’ un cerchio lui comprende,

Si come questo gli altıi, e quel precinto

Colui che il cinge solamente intende.

(Vgl Par. 30, 39 f.)

Par. 33, 116:

Nella profonda e chiara sussistenza

Dell’ altro Lume parvemi tre giri

Ditre colorie e d’una continenza.,

Conv. IV 16, 57 fi.:

Questa perfezione intende ıl Filosofo (d. b. Aristoteles) ne/ seftimo della Fisica (d.h. Phys. VII 3,2464), guando dice: „„Ciascuna cosa & massimamenle perfetla, secondo la sua nafura. Onde allora lo circolo si pud dicere perfelto, quanlo veramente 2 circolo, as quanlo aggiugne la sua fpropria virlü,s che allora & ın Iulla sua natura; e allora si puö dire nobile circolo.“* E questo 2 quanıo in esso & un punto, ıl quale egualmente sia dislante dalla eirconferenza (s. auch Par. 13, 531 —060; 19,40; 26, 17; 50, 103; 33, 138 und Conz. II 14, 11 u. 153).

Il.

1884 Renier (Giorn. stor. d. !. it. U, 391).

18860 Bonghi (Za Cultura V, 13).

1894 Maruffi (Giorn. Dant. 11, 3; s. Zull. I, u,

1896 Earle (Quarterly Review, July).

1896 Mlott (System of Courtly Love, P. 150).

1896 Della Giovanna (Frammenti di st. d. 1—7).

1898 Butti (Giorn. Dant. VI, 128; s. Bull. V, 168).

1902 Scarano (Beatrice, P. 142).

1902 Proto (KRassegna critica VI, 193—200; s. Zull. X, 264 und XXVI, 9—ıo).

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1903 Boffito (Rendiconti dell’ Zstituto Zomb. pp. 1129 u. 1142).

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DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 25

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1924 Grandgent, Discourses on Dante, P. 93—94.

IV. Purg. 6, 118: E se licito m’&, o sommo Giove, Che fosti in terra per noi crucilisso, Son li giusti occhi tuoi rivolti altrove?

„Hier tritt besonders scharf die naive Vermischung der klas- sischen und christlichen Welt bei Dante zutage“, so bemerkt zu der Stelle Bassermann (Fegeberg). Zurg. 15, 88 werden in einem Atemzug als Typen besonderer Milde und Sanftmut die Gottes- mutter Maria und die Gemahlin des Pisistratus genannt. Christ- liches Denken ist mit heidnischer Sage und Geschichte aufs innigste verwoben Purg. 18, 100—ı103, wo als Beispiele rechten Eifers die „Heimsuchung Marias und der rasche Siegeszug Cäsars gegen die Pompejaner Spaniens“ (Bassermann) nebeneinander gestellt werden. Der Christ Dante liest aus Virgils 4. Ekloge V. 4ffl. ebenso wie seine Zeitgenossen eine messianische Prophezeiung heraus Zureg. 22, 70 (Bassermann). Wie treuherzig und fast kindlich nimmt sich als Muster der Mäfsigkeit und Zurückhaltung in Speise und Trank aus Maria mit den römischen Frauen und Daniel! Ein Gegenstück dazu ist Maria in Parallele mit der Nymphe Callisto, obwohl die unbefleckte Gottesmutter einen scharfen Gegensatz zur befleckten heidnischen Nymphe darstellt (Zurg. 25, 128 u. 131). Purg. 24, 13 bis ı6 sagt Forese von seiner ebenso guten wie schönen Schwester Piccarda: /rionfa lieta nell’ alto Olimpo (= cielo empireo oder Himmel im christlichen Sinne). Die Musen, deren Hilfe bei dem schweren Werke der Schilderung des Triumphzuges angerufen wird, nennt der Dichter „hochheilige Jungfrauen“ Purg. 29, 37. Auch den Apollo ruft er an (Par. ı, ı3), aber nicht etwa wie der heidnische Sarazenenkönig Marsilies im Rolandslied, sondern als Christ, dessen Symbolik in Apollo die Sonne als würdigstes Sinnbild Gottes auf Erden sieht. Die Gottesmutter Maria wird Augusta, d. h. Himmels- kaiserin, genannt (Par. 32, 119). Treffend ist die Bemerkung Falkes (Dante 1922, p. 603), welcher zu der Szene, in welcher Matelda den Dichter im Lete untertaucht, bemerkt: „Das antike Moment des Vergessens und das christliche der Weihe verbinden sich aufs

26 FRIEDRICH BECK,

innigste miteinander.“ Recht seltsam kommt uns (Conz. U 6, ı7 vor, wo der Erzengel Gabriel als ‚gue/ si grande lega:!o erscheint, che venne a Maria, giovinella donzella di Ircdıcı anni, da parte del Senato celestiale!‘ [Mit der Lesart des ssto crıtico 1921 p. 179 ‚Sanalor celestiale kann ich mich nicht recht befreunden; denn zu dem ganzen Ideenkreis der verehrungswürdigen, segensreichen Einrich- tungen des von Dante abgöttisch geliebten alten Rom palst der ‚Senalo‘ besser als der Salvatore; man erinnere sich dabei auch, dafs diesem Ideengang zuliebe Petrus zum Centurio der ersten Manipel (a//o primipilo) ernannt wird (Par. 24, 59). Vgl. das con- cistoro divino Conv. IV 5, 15.)

Es liefsen sich noch manche Beispiele für solche heidnische Gedanken in christlicher Form, für eine solche ‚assaciazione del classco e del cristiano‘ (Vandelli) oder melange de souvenirs paiens ei du christianisme (Labusquette 325) beibringen.

Von den Ichrreichen Ausführungen Lab.s sei nur noch die Stelle aus dem hl. Gregor angeiührt (Zpis/ola ad Desiderium epıs- copum), weil sie beweist, dafs der Heilige an dieser Vermengung Anstols nahm: „i/ ne fauf pas que la meme bouche mele les lowanges de Jupiter avec celles du Christ.“

V.

Ich zitiere die V. N. nach Casini 2?, ed. 1890, das (onwrio nach Giuliani 1874, das Buch Afonarchia nach Bertalot ıgı8, die übrigen Werke nach der Ausg. d. it. Dantegeseilsaft Opere di Dante, Firenze MCMXXI, welche ich kurz mit %s/o critico bezeichne. Ich habe schon in der Zeitschr. f. rom. Phil. (= Zs. 44,471, A. ı) auf die Unzulänglichkeit des /esto critico hingewiesen. Seine unpraktische, zum Zitieren nicht geeignete Einteilung hat mich veranlalst, zu Casini und Giuliani zu greifen. Für unrichtige Lesarten sei das Beispiel Conv. I. Kanz., V. 14 angezogen:

Suol esser vila de lo cor dolente, wo offenbar solea gelesen werden muls. Denn in den Kreis der Imperfekta gia, vedia, par- Java, dicea palst nur solea. Diesem Kreis von Imperfekten steht eine Gruppe von Präsensformen gegenüber: or apparisce, fa, segno- reggia, Irema, face, dice, Irova, distrugge, sok (V. 28), welch letzteres mit dole (V. 30) reimt. Es ist ganz natürlich, dafs der antıco pensiero erzählt, was bisher war, während der nu020 pensier ausführt, was jetzt ist. Gegen die von Parodi-Pellegrini gewählte Lesart fällt entscheidend ins Gewicht, dafs die beiden Herausgeber später selbst solea lesen, nämlich im Kommentar zu V. 14, d.h. Conv. 1I 10,9 = testo crit. 11, 9 letzte Zeile von S. 187: questo & quello speziale densiero, del quale detlo & di sopra(!) che solea esser vila de lo cor dolente.

Abkürzung. Zs. Zeitschrift für romanische Philologie.

F. BECK, DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 27

Öfter angeführte Literatur.

Asin M.-P., Za Zscatolopia Musulmana en la Divina Comedia, Madrid 1919.

Frank, Aaddala, Leipzig 1844.

Joachim v.Floris, Zxposiio in Apocalipsim [= Ap.);, Psalterium decem cordarum [Ps.], Venetiis 1527.

Karppe S. Ztude sur les origines et la nature du Zohar, Paris 1901.

Kircher A., Oedlpus Aegydtiacus, Romae MDCLIII, 2 tomi.

Labusquette Robert de, Autour de Dante. Les Beutrices, Paris 1921?

Papus, Äabdala, übersetzt von Nestler, Leipzig 1910.

de Pauly (Jean), Sepher ha Zohar, traduit par —, Paris 1906,

Salvadori G. Vita givvanıle di Dante, Roma 1907.

Schwarz Dr. H., Der Gottesgedanke in der Geschichte der Philosophie, I. Teil, Heidelberg 1913.

Leider habe ich verschiedene Werke nicht einsehen können, wie z.B. M.Sappa, Un punto della D.C. Iddio imaginato come un punto in: „il Piemonte“ III, 2 und C. Roy, La rappresentasione della divinitd in D. in: Rivista ligure XXIV, S.

FRIEDRICH BEcK.

Adenet le roi und seine (Gönner.

Jeder Liebhaber der altfranzösischen Literatur wird seinen ick mit stillem Behagen an dem herrlichen Miniaturbild geweidet haben, das uns den Spielmannskönig Adenet zeigt, wie er seinen hohen Gönnerinnen Vortrag hält. Vgl. Suchier, Gesch. d. fra. Litt.?, S. 2ı1. Auf dem Ruhebett sitzt halb ausgestreckt die Hauptfigur mit der Königskrone, versonnen lauschend, den Kopf auf die Linke gestützt, eine Rose in der Rechten; neben ihr auf einem Sitzpolster eine zweite Frau, ebenfalls gekrönt, mit sprechender Handbewegung. Am Fufsende, die Laute in der Hand, beugt der Spielmann das Knie und trägt vor. Zwischen beiden, in der Mitte vor dem Ruhebett, sitzt eine vierte Gestalt, den linken Arm familiär auf die ruhende Königin lehnend, einen Handschuh in der Rechten. „Adenet le Roi, die Königin von Frankreich, Mahaut von Artois und Blanche von Kastilien unterhaltend. Nach einer gegen Ende des ı3. Jahrhunderts geschriebenen Handschrift in der Arsenal- bibliothek zu Paris.“ So werden wir belehrt.

Wer die beteiligten Personen sind, müssen wir aus der be- gleitenden Dichtung, dem Cleomades, entnehmen; wir erkennen es aber auch an der Kleidung, die heraldisch gehalten ist, wie man auf den ersten Blick sieht. Als seine Gönnerinnen nennt Adenet la roine de France und Madame Blanche. Die erstere ist die zweite Gemahlin Fhilipps Ill. von Frankreich (}t 1285), Maria von Brabant, die Tochter Heinrichs III., des Lehrmeisters und ersten Beschützers Adenets; sie trug die Krone seit 1274 und lebte bis 1321. Madame Blanche ist die seit 1275 verwitwete Gemahlin des Infanten Ferdinands von Kastilien, des ältesten Sohnes Alfonsos des Weisen (f 1284); man sollte sie aber nicht Blanca von Kastilien nennen, so hiefs die Mutter Ludwigs des Heiligen, sondern als Tochter des letzteren, Blanca von Frankreich. Sie kehrte als Witwe nach Frankreich zurück, und das erlaubte Sancho IV. sich über das Erbrecht seiner Neffen, der Infanten de la Cerda, hinwegzusetzen und die kastilische Krone an sich zu reifsen. Dals die Bestimmung richtig ist, ersehen wir aus dem Bilde: das Gewand der Königin Marie vereinigt die Lilien von Frankreich auf blauem Grund mit dem goldenen Löwen von Brabant auf schwarzem Feld; bei Blanca kommt zu den Lilien der Turm von Kastilien auf rotem Untergrund und der Löwe von Leon (?) hinzu, das Wappen derer de la Cerda.

PH. AUG. BECKER, ADENET LE ROI UND SEINE GÖNNER. 29

Wer ist nun aber die mittlere Figur? Gewifs nicht Mathilde von Brabant, die Witwe Roberts I. von Artois, des Bruders Ludwigs des Heiligen, verheiratet 1237, verwittwet 1219, gestorben 1288, auch nicht ihre Enkelin Mathilde, die Tochter Roberts U., der später (1302) die Grafschaft unter Ausschluls ihrer verwaisten Neffen zugesprochen wurde Man sieht nicht, was sie in diesem Kreis zu suchen hätte, und kein heraldisches Kennzeichen weist auf Artois hin. Ist es überhaupt eine Frauenfigur, die wir vor uns haben? Warum trägt sie das kurzgelockte Haar ohne Kopf- bedeckung? Warum reicht ihr das Kleid nur bis zur halben Wade? Es leuchtet sofort ein, wenn man einmal aufmerksam geworden ist, dals wir einer jugendlichen Mannesgestalt gegenüber- treten; und der Anzug deutet auf ein Mitglied des Hauses Brabant. Zweifellos sitzt einer der beiden Brüder der Königin neben ihr, und zwar nicht Johann I., der regierende Herzog (1260— 1294), sondern der jüngere Gottfried, Herr von Arschot, wie die Ähre auf der linken Gewandhälfte anzudeuten scheint. Er ist es, der seiner Schwester und ihrer Schwägerin den Sänger vorführt: das ergibt sich aus der Stellung der Gruppe.

Diese Feststellung ist für Adenets Lebensgeschichte von Wichtig- keit. Wenn es richtig ist, dafs dieser seine berufliche Ausbildung dem guten Herzog Heinrich Ill. von Brabant (} 1261) verdankt und wenn er ı270/7ı mit Gui de Dampierre, Graf von Flandern, und dem Kreuzheer nach Italien ging, so können wir aus der Widmung der Znfances Ogier an Königin Marie und aus der Ab- fassung des Cleomades auf Anregung der beiden hohen Frauen und aus unserem Bild erschliefsen, dals er um 1275 wieder im Dienst der Familie von Brabant steht. Später mag er in Robert Il. von Artois einen neuen Beschützer gesucht haben; aber um 1280 lebt er am französischen Königshof; und die Miniatur, die wir betrachten, wird nicht gegen Ende des ı3. Jahrhunderts entworfen worden sein, sondern in der Zeit, wo diese Menschen noch glücklich zusammenlebten. Wir dürfen die Figuren, sprechend wie sie sind, als nach dem Leben gezeichnete Porträts ansehen.

PhuıLıpp AUGUST BECKER.

Die Streitgedichte Peters von Blois und Roberts von Beaufeu über den Wert des Weines und Bieres,

Von Peter von Blois (ca. 1135—.ca. 1205), dem als Schrift- steller hervorragenden Erzdiakon von Bath, der während einiger Jahre am Hofe Heinrichs II. die königliche Gunst genols und nach dem Tode des Königs eine Zeitlang in der Normandie Sekretär der Königin-Witwe Eleanor war, besitzen wir aulser mehrfach ver- öffentlichten Prosaschriften auch sieben lateinische Gedichte, von denen die folgenden der Gattung der Streitgedichte angehören: De lucla carnıs el spiriltus, worin zwei personifizierte abstrakte Begriffe als Streitende auftreten, und zwei Gedichte, in denen der Verfasser den Wein auf Kosten des Bieres im Streit mit einem Freunde preist, der seinerseits dem Bier den Vorzug gibt.! Die erhaltenen Gedichte Peters (über dessen Leben und literarische Tätigkeit C. L. K[ingsford] im XLV. Bande des Dictionary of National Biography, p. 46fl., gut orientiert) sind sicher nicht die einzigen, die er verfalst hat. In einem Briefe (LXXVI, zitiert von M. Edelestand du M£ril in Podsies populaires latınes du moyen äge, S. 201) schreibt er: Ego quidem nugis et cantibus venereis quandoque operam dedi, sed per gratiam ejus qui me segregavit ab utero matris meae, rejeci haec omnia a primo limine juventutis. Dafs er trotz dieser Versicherung auch später seine jugendlichen Gedichte nicht gering schätzte, geht aus anderen Briefen hervor. In Brief XII schreibt er an seinen Neffen: Mitte mihi versus et ludicra quae feci Turonis, et scias, cum apud me transcripta fuerint, eadem sine dilatione aliqua rehabebis, während er einer Sendung reiferer Verse an den Mönch G. de Alneto die folgenden Worte hinzufügt (Brief LVO): Quod autem amatoria juventutis et adolescentiae nostrae ludicra postulas ad solatium taediorum, consiliosum non arbitror, cum talia tentationes excitare soleant et fovere. Omissis ergo lascivioribus cantilenis, pauca quae maturiore stylo cecini tibi mitto, si te forte relevent a taedio et aedificent ad salutem. Ob vier erhaltene französische Verse von unserem Peter von Blois oder einem Namensvetter herrühren, ist ungewils (s. Zistoire litteraire XV, 417).

1 Peter’s Versus de commendatione vini und Responsio ad quendam contra cerevisiam wurden zuerst von I. A. Giles veröffentlicht im vierten Bande seiner Ausgabe von Pefri Blesensis Opera omnia, Oxonii 1846, S. 372— 374. Nach der Ausgabe von Giles wurden sie wieder abgedruckt in Migne’s Pafro- logie latine, vol. 207, Paris 1855, col. 1155—1156.

r..

STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 31

J. H. Hanford, der in seiner Schrift 7%e Medieval Debate between Wine and Water (Publications of the Modern Language Association of America, XVII, 3; 1913) und in der Einleitung zu seiner Aus- gabe von Wine, Beere, Ale, and Tobacco: a seventeenth cenlury Interlude (Studies in Philology, XII. Jan. 1915), ebenso wie H. Walther in Das Sfreitgedicht ın der lateinischen Literatur des Mittelalters, München 1920, S. 46 ff., ausführlich über die Literatur der Streitgedichte von Wein und Wasser und von Wein und Bier handelt, sagt von den beiden hierher gehörigen Gedichten Peters von Blois (7Ae Medieval Debate, S. 328): „In the first (rhymed hexameters) the poet lauds wine by contrast with beer, describing in detail the effects of each. The Responsio (elegiacs) is evidently a reply to some poem which apparentliy turned the tables on Peters Versus by praising beer at the expense of wine. Beer is here called „simia vini” (cf. the expression sımıa Dei, often used of Satan), and Aorrendum genus aqua. Wine, on the oıher hand, is the blood of Christ. At Cana water was changed to wine and not to beer. If you adduce the incest of Lot (Genesis 19, 33), “not wine but man’s excess was at faul. At the close the pious and scholarly author <afeguards his reputation by saying that this poem, like the one which provoked it, is only a harmless joke,* Das Gedicht, das, wie Hanford sagt, “apparently turned the tables on Peter’s Versus”, existiert in der Tat und ist in derselben Hand- schrift der Cambridger Universitätsbibliothek enthalten, der Giles die beiden Gedichte Peter’s entnommen hatte, ist aber anscheinend bisber nicht veröffentlicht. Nach dem Katalog der Handschriften der Cambridger Universitätsbibliothek enthält die Handschrift Gg. 6.42 . als vierten Artikel Versus Roberti de Bellafago de Commendalione Cervisie, während Artikel 3 und 5 die Versus und Responsio Peters von Blois sind. Über den Verfasser dieses unveröffentlichten Ge- dichtes teilt E. M(aunde) T(hompson) im vierten Bande des Dictionary of National Biography S. 36 folgendes mit: Beaufeu, Bellofago, or Bellofoco, Robert de (fl. 1190), was a secular canon of Salisbury. Educated at Oxford, he gained, at an early age, a reputation for learning, and become the friend of Giraldus Cambrensis, Walter Map, and other scholars. He is said to have written a work entitled ‘Encomium Topographi&’, after hearing the ‘Topographia Hiberniz’ of Giraldus read by the author at a festival at Oxford. A second work, ‘Monita salubria’, is also attributed to him by Bale;, and a poem in praise of ale, “Versus de commendatione Cervisi@’, in a manuscript in the Cambridge University Library (Gg. VI. 42), bears his name.

Darf der Robertus de Bellafago, der launige Domherr von Salisbury (jocosss, Gedicht III, 29), der mit dem Peter von Blois in Versen über Wein und Bier disputiert, identifiziert werden mit dem Robertus Salebere, zu dessen Gunsten Peter an Johann von Salisbury, Bischof von Chartres, seinen früheren Lehrer (Brief XXIl), schreibt (Brief LXX), und mit dem anscheinend lebensfreudigen Robertus Sarisberiensis, dem Peter in Brief LXI von der eitlen Vogelbeize

32 E. BRAUNHOLZZ,

abrät, dessen venfris ingluvies er in Brief LXXXV tadelt und den er in demselben Brief erinnert: Non est equidem regnum Dei esca et potus. Esca ventri, et venter escis. Deus autem et hunc et has destruet? Andere Briefe ad R. subdıcanum Saresberiunsem (CV), ad R. decanum et capıtulum Sarisberiensis eccesie (CXXXUl), ad decanum et capılulum Sarisberiensis ecclesi@ (CIV) handeln von ernsteren Dingen. Die Briefe ad R. amicum suum (LXXIX, worin Peter seinen Freund verspottet, weil er, ursprünglich ein Feind des weiblichen Geschlechts, sich zu sacrilegas nuplias habe hinreilsen lassen, und C) gehören wohl ebenfalls hierher: Robert war in der Tat verheiratet, denn es ist bezeugt, dafs “the church of Horton was given by Agnes, his wife, ‘in praebendam’ to the church of Sarum” (W.H. Jones, Fasti Ecckesie Sarisberiensis, 1879, S. 393).

Da der Abdruck der beiden Gedichte Peters von Blois bei Giles in einigen Punkten verbesserungsbedürftig erscheint, so teile ich sie nochmals auf Grund einer Kollation mit der Handschrift mit und füge an der Stelle, wohin es gehört, das hier zum ersten Male veröffentlichte Gedicht Roberts von Beaufeu hinzu.

L Versus Magistri Petri Blesensis De Commendatione Vini. (Cambridge University Library MS. Gg. 6.42. Giles, Petri Blesensis Opera, vol. IV, p. 372—373).

f. 222°. Felix ille locus quem vitis amenat amena,

Illa beata domus que Bachi munere plena Vina dat hospitibus de vitis divite vena; Sed domus infelix ubi cervisiatur avena,

5 Mensurata nimis, modo mensuranda lagena, Infumata seges, non vina, immo venena. Ejus enim potum sequitur dirissima pena, Pes titubans, cerebri turbatio, mens aliena. Turbida mens nescit vitiis imponere frena,

ı0 Dum furit ebrietas in aquis Venerisque cathena. Fervida fermento traitur caro mentis egena, Nliciti motus nulla cohibentur habena, Dum bibitur Lethea palus, iterumque serena Mingitur in lapidem renum concrescit arena;

15 Quem nisi cum ferro nec ejicit ars galiena. Plus valet ergo mihi vinum cum paupere cena Quam tibi cum potu de furfure fercula dena.

6 Infumata] Infirmata G. vina] vino G. immo] imo G. 13 Dliciti] Nlicitus ms. 15 Quem] Quam G. 17 fercula] fercla ms.

IL Versus Roberti de Bellafago De Commendatione Cervisie.

f. 222°. Eloquio dulci vernans et voce serena Munera commendat Bachi tua, Petre, camena. Cum tu historias nota transcurris arena, Nonne legis Bachi calices et pocula plena

STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 33

5

Io

f. 222 v0, 15

20

25

Plus fecisse mali quam noxia queque venena? Hoc subnixa deo vinique juvante lagena Victorem Sodome devicit filia lena,

Indulgensque mero cathaclismi post inamena

Cham derisorem dampnat Noe vindice pena. His caret exemplis simplex et sobria cena, In qua convive facili potantur avena. Exhilarans mentes convivia reddit amena Undis juncta Ceres, sed ab ipsis vix aliena,

Temperat ardores et fervida ventris ana

Motibus illicitis imponens sobria frena.

Set simul incaluit vino vinaria vena,

Estuat in lumbis, quos nulla refrenat habena, Vulcani fornax, ut mens rationis egena

Has nequeat flammas ulla cohibere cathena. Inflammata mero greco calet igne crumena. Quem nec claustra tenent quin frangens ostia dena Ad mundum revolet licet occurrente leena. Hanc febris speciem non mitigat ars galiena Nec citharista sono nec garritu philomena, Donec subveniat moıbo Frix sive Lacena,

3 tu] ıü ms. 6 subnixa] subnixo ms. 8 post] pus ms. plena ms. 16 vena] veno ms. 21 frangens] franges ms.

Ill. Responsio Magistri Petri Blesensis.

Opera, vol. 1V, pp. 373—374).

[. 222°,

10

15

20

Scribo, sed invitus: invitat enim grave vitis Me probum gravius improbiusque loqui.

9 pena]

(Giles, Petri Blesensis

Improbe, quid reprobas quod pagina sacra, quod usus,

Quod probat utilitas ipsa, quod ipse Deus? Per verbi verbum de vitis munere munus Conficitur vite sancfificante manu. Hinc ubi conficitur Christi cruor, hinc procul absit Potus furfureus sulfureusque liquor! In vinum convertit aquas prece matris aquarum Conditor, at nunquam cervisiavit eas. Cur igitur vino prefertur simia vini Horrendumque genus degenerantis aque? Mutuat a vino quod inebriat et quod acescit, In solis vinum sic imitata malis. O labor infelix damnataque sollicitudo, Que studuit quod aquis ebrius esset homo! Obicis incestum Loth vino: non ibi vini Culpa, sed in vino non habuisse modum, Peccavit potor, non potus ut in patre primo Non cibus in culpa, sed gula sola fuit, Quicquid agis, peccas nisi sis moderatus et ipsam

Zeitschr. f. rom. Phil. XLVUI. 3

34 E. BRAUNHOLTZ,

Justiciam librat justificatque modus. Magna quidem cerebri est turbatio, quod cerebrose Cervisiam laudat cervisialis homo: 235 Cognata urine, fecis germana videtur, Non hominis potus, sed cibus esse suis. Ut breviter signes quid et unde sit, aspice signum Cervisie factum stramine, fece litum. Dum sine felle jocor, quia te cognosco jocosum, 30 Jocunde admittas et sine felle jocum.

Titel: Responsio] Respontio ms. 3 sacra quod] sacraque ms. 11 simia vini] simia vino ms. 12 degenerantis] degnerantis ms. 13 acescit] acessit ms. 17 Obicis] Objicis G. 20 cibus] citus G. 27 und:] unum ms.

Anmerkungen.

Über das Versmafs der drei Gedichte ist zu bemerken, dafs Il sich in der Form genau an I anschliefst. I besteht aus ı7, I aus 23 Hexametern mit dem Endreim -@na. Der mehrfache Gebrauch desselben Wortes im Reim ist in beiden Gedichten ver- mieden. In II kehren die 17 Reimworte von I in anderer Reihen- folge wieder, wozu noch 8 neue Reimworte kommen: camena, lena, inamena, a@na, crumena, leena, philomena, Lacena. III ist in Distichen geschrieben, ohne Reim, aber mit Verwendung von Alliteration und Replikation: 7 conficitur, Christi, cruor; 9, 10 con- vertit, Conditor, cervisiavit; ı9 Peccavit, potor, potus, patre, primo; 20 cibus, culpa; 27 signes, sit, ssgnum; 28— 30 factum, fece, felle, felle ı invitus, invitat, vitis; ı, 2 grave, gravius; 2—4 probum, improbius, Improbe, reprobat, probat; 4 ipsa, ipse; 5 verbi, verbum; munere, munus; 5, 6 vitis, vite; 6, 7 Conficitur, sanctificante, con- flcitur; 9 aquas, aquarum; ıı vino, vini; I2 genus, degenerantis; 13, I4 vino, vinum; 17, ı8 vino, vini, vino; 19 potor, potus; 22 Justiciam, justifical; 23, 24 cerebri, cerebrose, Cervisiam, cervi- sialis; 27 signes, signum; 29, 30 felle, felle; jocor, jocosum, Jocunde, jocum. In V. ı2 reimen furfureus und sulfureus. Auch im Gebrauch der Hilfsmittel der Rhetorik, wie z. B. der Anaphora und des Chiasmus, zeigt sich der Verfasser gewandt: 3, 4 das vierfache quod; 4 utilitas ipsa ipse Deus; 5, 6 de vitis munere munus vite; 8 potus furfureus sulfureus liquor; 135 labor infelix damnata sollicitudo; 25 Cognata urine fecis germana; 26 hominis potus cibus suis.

1.

4. Ubi cervisiatur avena ‘wo Getreide zu Bier gemacht wird’; cf. III, 10. Cervisiare im Sinne von ‘cervisiam conficere’ aus dem Jahre 1152 bei Du Cange unter cerevisia (als Zusatz von Carpentier) belegt.

5. *Zu reichlich zugemessen, während es nur flaschenweise zugemessen werden sollte. Dafs Bier in gıölseıen Quantitäten

STREITGEDICHIE PETERS VON BLOIS U. ROBEKTS VON BEAUFEU, 35

getrunken zu werden pflegt als Wein, deutet auch die bekannte Stelle in Crestiens Fvain (592, 593) an: Plus a paroles an plain pot De vin qu’an un mui de cervoise.

6. Lesart und Sinn dieses auch metrisch bedenklichen Verses sind unsicher. Es ist unmöglich zu entscheiden, ob die Handschrift Infumala oder Infırmata hat. Will der Dichter sagen: ‘geräuchertes Getreide (= gedörrtes Malz?), nicht Wein, sondern Gift’? Wie Giles seine Lesart /nfirmata versteht, ist mir nicht klar, etwa: ‘ge- schwächtes (durch den Zusatz von Wasser)’ ?

8. Im Conflictus vin! et aqua (Carmini Burana, 173), Str. 9, wirft das Wasser dem Weine vor: Titubando solet ire Tua sumens basia, Verba recte non discernens.

13. Lethea palus ‘das lethäische (Vergessenheit bringende oder eher: aus der Unterwelt stammende) Sumpfwasser‘, verächtliche Bezeichnung des Bieres. Der Ausdruck ist vielleicht nach Vergils Stygia plus (Fon. VI, 369. neben Stygie ague, ib. 37 4, und Stygia unda, ib. 385) gebildet. Properz gebraucht IV, 7 ZLeih@a stagna neben Letheus liquor, für das Wasser des Flusses Lethe, den er in dem- selben Gedichte einen furßis amnis nennt.

13. 14. Vgl. das Hildebert von Tours zugeschriebene Epigramm

De cervisia,

Nullus amicorum posset meliora monere

Quam tu, quo moneor parcere cervisi®. Cum bibo cervisiam nihil est turbatius illa,

Sed cum mingo nihil clarius esse potest, Terreor inde nimis, quoniam qu& spissa bibuntur

Reddita clara gravi viscera Sxce repl° ıt.

(Notices et Extraits XXVUI, 2, S. 423.)

Wie Haur&au bemerkt, ist die Autorschaft des Epigramms unsicher. Es wäre auch möglich, dafs die Verse von Matthieu von Vendöme herrühren, der von sich selber sagt, dals er elegische Verse gegen das Bier geschrieben habe. Vgl. auch Wattenbach in Si/zungsber. der Bayr. Akad. Phil. hist. Cl., 2. Nov. 1872, S. 571. Eine Nachahmung des obigen Epigramms sind die folgenden bei Du Cange unter cerevisia zitierten Verse von Henri von Avranches:

Nescio quid Stygiz monstrum conforme paludi, Cervisiam plerique vocant; nil spissius illa,

Dum bibitur; nil clarius est, dum mingitur; unde Constat quod multas feces in ventre reliquit.

Peter von Blois, der in Tours erzogen zu sein scheint (Brief XII), kannte vielieicht das Hildebert von Tours zugeschriebene Epigramm. Vgl. auch Hanfords Anmerkung zu Z. 2gı fl. des Interlude Wine, Beere, Alc, and Tobacco.

15. ars galiena *Galens Kunst’. Der Name des berühmten Arztes kommt im Mittelalter in den Formen Galenus (Peter von Blois ed. Giles, I, S. 257; Dante, Monarchia 1, 13,6) und, vielleicht durch

3*

36 E. BRAUNHOLTZ,

Verwechslung mit dem Namen des römischen Kaisers Gallienus, Galienus (Novati, Sforia letteraria d’Italia. Le Origini, S. 453) vor. In Dantes italienischen Werken (/nferno; Convivio) heilst er Galieno, bei Chaucer (Canterbury Tales, Prologue) Gallien. Als Adjektiv kommt galienus wieder vor in II, 23.

U.

7. Victorem Sodome, d.h. Lot. Die abschreckenden Beispiele von Lot (Genesis XIX, 31—35) und Noah (Genesis IX, 21, 22), die hier gegen Peter von Blois ausgespielt werden, sind von diesem selbst mehrfach verwertet. In einem an den Magister A. gerichteten Briefe (VII), in dem er durch Zeugnisse aus der heiligen Schrift diesen früher tüchtigen Disputanten, der aber an den Trunk geraten ist, davon abzubringen versucht, schreibt er: Si juxta apostolum bonum est non bibere vinum,! non video qualiter possit bonum esse contrarium. Ideo prudens illa mulier filium suum instruens, in visione dicebat; Noli regibus, o Lamuel, dare vinum, ne forte obliviscantur judiciorum Dei, et subvertant populi &zquitatem. Sed nec ullum secretum est, ubi regnat ebrietas.? Loth, quem Sodoma non Vicerat, vina vicerunt. Vinea quoque, quam Noe plantaverat, suo non pepercit auctori, et ex delicto patris, usque hodie derivatur ad posteros macula servitutis, In seinem Gedichte De Penitentia (Giles IV, 370), 26ff. warnt Peter vor den sieben Todsünden:

Pracipue pestes septem memores capitales, Non solum fontes, sed rivos inde fluentes. Fonte suo rivus magis est quandoque nocivus. Unde Loth incestus pejor fuit ebrietate, Atque Cain gravior czdes fraterna furore.

Auch sonst kommen die Geschichten von Lot und Noah als beliebte Gründe gegen den Genuls des Weins vor. In Golie Dialogus inter Aquam et Vinum (Th. Wright, Z’he Zatin Poems commonly attrıbuted to Walter Mapes, S. 87 fl). V.g91—94, klagt das Wasser den Wein an:

Per te Noe femora dormit denudatus, Unde maledicitur irridendo natus;

Per te mundo prodiit partus infamatus, Cum fuit in montibus Loth inebriatus.

So auch in einer wohl dem ı7. Jahrhundert angehörigen spanischen Romanze: Z/ Pleyto del Agua con el Vino (Th. Wright, ib., p. 30g®).

8. cathaclismi post inamena ‘nach den Beschwerden der Sünd- flut’. Cataclysmus = diluvium, s. G. Goetz, Thesaurus glossarum emendatarum ], 188.

9. vindice pena, statt des handschriftlichen v. fena, wie Catull 65,193. Das Wort dena ist schon V.4 im Reim gebraucht.

! Wohl auf Eph. V, ı8 bezüglich. I Prov. XAXIL, 1-4.

STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 37

tı. facili potantur avena ‘mit leichtem Getreidesaft getränkt werden’. Als kausatives Zeitwort im Sinne von ‘tränken’ kommt potare bei Kirchenschriftstellern vor, s. Rönsch, Zfala und Vulgata, 376; Kaulen, Zandbuch zur Vulgata, 160; so Zlala, Maltth. 25, 35: sitivi et potastis me sitientem (Vu/gafa: dedistis mihi bibere). 13. Undis juncta Ceres ‘das mit Wasser vereinigte Getreide‘. Vgl. Altercatio vini et cerevisie (Zeitschrift für deutsches Altertum, ALIX, 1908, S. 201), wo in Str.4 von den Lobpreisern des Bieres gesagt wird: . . credunt nasci de Cerere et de claro Neptuni genere.

ab ipsis vix aliena ‘vom Wasser wenig verschieden’.

ı6. vinaria vena ‘die Wein führende Ader’. Vgl. Carmina Burana, 178: Bachus venas penetrans Calido liquore Facit eas igneas Veneris ardore; Dispulatio iuter Anglıcum et Francum (Th. Wright, Political Poems and Songs, 1, S. 9ı), worin der Franzose behauptet, dals ebenso wie der Wein das Bier übertreffe, so das weintrinkende Frankreich das biertrinkende England, und dafs für die Engländer der Tag, an dem sie nach Bachus’ Art trinken, ein Festtag sei:

Salve, festa dies, toto venerabilis ®vo, Qua Deus in venas scandit.

Der volkstümliche Glaube, dafs der getrunkene Wein sofort in die Adern übergeht, erklärt auch Stellen wie Horaz I, #5. XV, ı9, wo der Dichter seinem Korrespondenten mitteilt, dafs er, wenn er an der See ist, einen edlen, milden Wein verlangt: quod cum spe divite manet In venas animumque meum.

20. greco igne. Der oft erwähnte Explosivstoff, afrz. feu gregeois; s. Carpentier bei Du Cange unter :grzs 2; A. Schultz, Das höfische Leben, 11, S. 303.

crumena ‘Geldsäckchen, Börse’, hier wohl im Sinne von scrotum; vgl. die Bedeutung des französischen des bourses.

2ı. Quem == diesen, den so vom Wein Erhitzten.

23. ars galiena, wie ], 15.

24. philomena für Philomela, wie Carmina Burana 47, Str. 3 und in Crestiens conte de Philomena. Auf Verwechslung mit Philu- mena beruhend ? S.G. Goetz, Thesaurus glossarum emendatarum ], 57 unter amabilıs.

25. Frix sive Lacena ‘ein phrygisches oder spartanisches Mädchen’. Vgl. Consultatio Sacerdotum (Th. Wright, The Latin Poems commonly attributed to Walter Mapes, S. ı74 ff), V. 117—120:

Dixit quindecimus: „Quando bibo vina, et me sompnus recipit hora vespertina, tunc ut mecum dormiat volo concubina, ne mihi deficiat carnis medicina,

38 E. BRAUNHOLTZ, STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS ETC.

II.

5. verbi verbum ‘das Wort Christi’. Dieser und der folgende Vers beziehen sich auf die Verwandlung des Weins in das Blut Christi beim heiligen Abendmahl. Vgl. Golie Dialogus inter Agnam et Vinum (Th. Wright, Z’he Zatin Poems, S. 87 fl.) V. 07, 68:

nec fuit, ut legitur, aqua, sed Iyaus, de quo dixit Dominus, ‘Hic est sanguis meus’;

Pleyto del Agua con el Vino (Th. Wright, ib.) p. 307®.

8. Potus furfureus sulfureusque liquor ‘der Kleientrank, der schwefelfarbige Saft’ = das Bier.

9. 10. beziehen sich auf die Hochzeit von Kana, auf der auf Bitten seiner Mutter der Schöpfer des Wassers (Gott, Christus) das Wasser in Wein verwandelte (/oA. Il, ı—9). Ein Verteidiger des Bieres könnte anführen, dafs auch diesem die Ehre zuteil geworden ist aus Wasser verwandelt zu werden: in den Acta Sanclorum, ı.Febr., Vita IV. S. Brigide cap. 10 wird berichtet: quodam die quidam leprosi sitientes de via cerevisiam anxie a B. Brigida postulaverunt. Christi autem ancılla, videns quia tunc illico non poterat invenire cerevisiam, aquam ad balneum portatam benedixit, et in optimam cerevisiam conversa est a Deo, et abundanter sitientibus propinata est. S. Hehn, Aulturpflanz:n und Hausthiere‘, S. 149.

ı1. 14. Das Bier ist öfter als eine Nachahmung des Weines (wie hier als simia vin!) bezeichnet worden, z.B. von Vergil, der Georg. 11, 376, von den Skythen sagt: pocula l&ti Fermento atque acidis imitantur vitea sorbis, von Ammianus Marcellinus, der in Rer. gest. XV, ı2,4 die Gallier ein Trinkervolk nennt, vini avidum genus, adfectans ad vini similitudinem multiplices potus, von Tacitus, nach dessen Germ. 23 potui humor ex hordeo aut frumento in quandam similitudinem vini corruptus, s. Hehn, Kulturpflanzen, S. 147—1409.

16. quod mit dem Konjunktiv = ut, wie z. B. Carınina Burana, 194, Str. 5: vos precor sodales, Auribus percipite novas decretales: quod avari pereant et non liberales.

19. in patre primo = Adam. So de primo padre, Dante, Par. XI], ııı.

20. cibus = fructus ligni, quod est in medio paradisi, Gen.1ll, 3.

24. cervisialis homo ‘der dem Bier Ergebene’. Du Cange belegt unter malpenning aus dem Jahre 1264 das Adjektiv in dem Ausdruck denarü cervrsiales Biersteuer’.

28. factum stramine. In der Altercatio vini el cercvisie (Z. f. deutsches Altertum, XLIX, S. 202), V.ı3 wird das Bier /estuce filia genannt.

E. BRAUNHOLTZ.

Eine provenzalische Urkunde aus Najac vom Jahre 1310,

Im November 1907 erwarb ich in Najac, das ich wegen seiner prächtigen, das Tal des Aveyron beherrschenden Burgruine von Toulouse aus besuchte, die untenstehende Urkunde, Der Ehrentag unseres geschätzten Provenzalisten scheint mir ein guter Anlafs zu sein, sie endlich der Öffentlichkeit zu übergeben. Möge sie ihn an seine eigenen Fahrten im südlichen Frankreich erinnern, die er in Gesellschaft desselben Alfred Jeanroy ausführte, dem auch ich in Toulouse nähertreten durfte und mit dem ich eine Fahrt nach dem östlich von Toulouse gelegenen Verfeil unternahm, an die mich seither das Vertfuell des „Jaufre“ so oft erinnerte. Leider ist uns, wie mancher andere, auch der treffliche Jeanroy nun durch den grolsen Krieg fremd geworden.

Die Urkunde, ein Notarinstrument, steht auf einem eng be- schriebenen Blatt mit eingeritzten, blafsfarbigen Linien in leserlicher Schrift von ungleicher Sorgfalt. Der beschriebene Teil mist von links nach rechts durchschnittlich 22,5 und von oben nach unten 17,7 cm. Die Linien sind schlecht eingehalten, wohl aber eine am linken Rande befindliche senkrechte. Die Tinte ist im all- gemeinen kräftig erhalten. Der Text lautet:

Noverint universi, presentes pariter e/ futuri, quod nos

W. Pavielh da Masairolas e Peronela, sa mollzer, ab mardament del dig W.Pavielh, mo marit, amdoi e cascus, per nos e per totz nostres successors, vendem e desamparam, per aras e per

5 totz temps, a vos Huc Valade e Na Johana, sa mollser, e a tot vostre voluztari una peisa de terra, que avem el terrador de Picaucel de Masairolas, que’s cofrozta d’una part ab la vostra vizha boulas e mieig e d’autra ab aque/a d’En P. Depueig doze boulas e mieig e d’aval ab lo riu de Masairolas et enaisi, coma IO sen pueia acapsus, parten de boula en boula tro e la vostra vixha. Tot enaisi vos o donam e’'us 0 desamparam per aras e per totz temps, coma sobredig es e on miels aras i esei er per adenant, e ab sos intrars e ab sos issirs e ab totz sos autres apertenemers e ab tot, qwi qwii sia aras ni per adenant, ses 15 alcu retenemenrt, qwe no'i fam de re, per XII so/s de rodanes geritz, Dos e percorrens, que conoissem de vos aver agutz, que noinh tenem per be pagaig e voinh solvem. Renuzciaish ad

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HERMANN BREUER,

exceptzo de no» aguda pccunia, coma sobredig es, e/ doli «/ in factum. E-us donam tota la mai valensa, quazt que mai valgues aras ni per adena»t, del dig pretz, que donat noinh avetz. Renuzciaizh legi, que incipif: rem majoris precii et auc de duobus vel pluribus reis. Et em vos tengug de la evicto e voizh obliguam totz nostres bes presens e endevenidors. Re- nuzciaish omnri jur? canonico ef civik, e ieu la dicha Peronela renuzcio Specialiter jurd Vellesanı senatusconsulti, privilegio dotali ei omni auxilso mulierum. Et ab aquesta present carta nos li dig W. Pavielh e Peronela, sa mollier, nos derevestem de tot lo dreig, que avem ela dicha peisa de terra, e'n revestem vos los davardigz Huc Valade, Na Johana, sa moller, e voish metem en bona posec,o e pazibla ef juramus supra qualluor sancıa Dei Evangelia a nobzs corporalster tacta nunguam contra prediciam verire seu aliqsid predictorum. Et ieu N’Amielh Valade, pro- curaire d’En Bertran de Startemia, donzel, marit de N’Elena, flha que fo d’En Bertolmieu R., qui fo sa en reires, e nom del dig Bertran per causa dotal de la dicha N’Elena, requistz dels davandigz Guillerz Pavielh, Peronela, sa mollier, lauzi e autrei a vos li davandig Huc Valade, Na Johana, sa mollir, estan a Masairolas sotz la seizshoria del dig Bertran la venda desus dicha e las causas, que contengudas i so, ab una carca de froment e una emina de sivada, que'n donetz per cad’ an a la S. Jolia de ces al dig Bertran o a so luec-tenert a la mesura de Najac e VI deniers de reire-acapte, quarzt si escaira. E sas autras seinhorias, o mais el primier encartament e[s] ditz, e retieizh, id est, que neguna part, ni aquwesta ni las autras, no solvi del ces, que dona tota la causa, mas que tot ne sia obligat e autras seishorias salvas, se i avenio. Et autrei vos, que'i puescatz far deviza, se’us voletz, eus oO prometi gardar e tener deves coma las autras de la honor de Najac. Z ie meders e vos agart l’acapte e men tieiah per be pagatz e nom del dig Bertran de Startemia de totas seinhorias pel temps pasat tro el jorn d’uei. E se'n voliatz desissir, ieu lauzaria e nom del dig Bertran a tot home de foras, cavalsr o clerc o maio d’orde, estan sotz la seishoria del dig Bertran de Masairolas, sas seinhorias salvas, e no'i podetz re donar. Asolven/cs testes fuerunf: R. de Tresressac, R. Mazenx Spurius, Johan Mazerx ef ego G. Mairhai, pudlicus Naiacz notarıus, qui de mandato dic/arum partium hanc cartam scripsi ei signavi. Actum Naiacs kalendas Januar anno dommi M°CCCX? illustrissimo domno Phzlppo Franquworum rege regnante. [Hic signaculum notarii.]

Lesungen: 2 W.] vgl. 36 Guillem, 55 @. 2 Mas-Airolas?

8 P]] Peire 18 exceplio] excepeio? c und / sind nicht zu scheiden, auch o und e gleichen sich sehr 25 eher de#-; sen-] e undeutlich

34

Hs.

R.]) Raimon 43 e]) = en (ind) 48 ie medeis en vos] jeinedeuo/ (der i-Strich sehr schwach, über Z ein Akut),

EINE PROVENZALISCHE URKUNDE AUS NAJAC VOM JAHRE 1310. 41

Wortschatz: 6 volunları ‘Bevollmächtigter’? s. Levy-Appel, Suppl. und Teulet, Zayettes du tresor des chartes I, 314°, 5. 8 boula ‘“Grenzstein, Strecke zwischen zwei Grenzsteinen’. Das Wort steht noch bei Teulet III, 169? u. 433° und Aug. Vidal, Douse Comptes Consulaires d’Albi Il, 77 u. 93 (duola). S. v. Wartburg s. v. *bofina. . 10 acapsus ‘bergauf’. 10 Zarlener ‘sich erstrecken’. 10 und 50 ro en ‘bis zu. 12 on miels ‘in dem Höchstmafse wie’. 13 intrar ‘Eingang’, zssir ‘Ausgang. 15 rodanes ‘Münze von Rodez. 16 gerit, garit ‘garantiert. 16 percorren 'kurs- fähig’. 17 solver ‘für quitt erklären’. 18 exception ‘Einrede’, ‘moyen oppose & une demande judiciaire’ (Behrens l.i.l. 18 doli (exceptio) ‘Dolus’, ‘Arglist’, ‘Vorsatz’. 19 an factum (actio) (Klage) auf Tatbestand’. mai valensa ‘Höchstwert’, ähnlich ma:

valgues. 21 auc oder auf‘) mir unklar. 22 reus ‘Gesamt- schuldner’. evitio ‘Entwehrung’, ‘Entsetzung’, ‘Ausweisung’. 23 endevenidor ‘zukünftig. 25 Velleianum (46 n. Chr.): Inter-

zessionen der Frauen sind unwirksam und gewähren eine excepftio (Taschenwörterbuch zum Corpus juris civilis, Berlin ıgrı1); vgl. benefice de Vellein (Schwan-Behrens, Gram. de l’ancien frangais 11, p.74 dernidre ligne). 27 derevestir refl. ‘sich (eines Lehens) begeben’. 34 que fo ‘verstorben’. 36 Jauzar ‘billigen’. 39 carca ‘Last’, ein Mals. 40 emina ein Hohlmals. Jolian] ihm wurde in Najac eine Kirche geweiht. S. Teulet, II, 2686. 42 reire-acaple (relro- accapılum) ‘droit exig& du sous-feudataire A la mort du seigneur ou du tenancier’ (Levy). 42 escager refl. ‘zutreflen’. 43 on mais] vgl. zu 12 on miels. 43 encarlament ‘charte’. 45 donar 'ab- werfen, einbringen’ (?). 45 mas que ‘dals vielmehr’. 46 avenir ‘zutreffen’, vgl. zu 42 escaser. 47 devisa ‘Testament’. deves (defensu) ‘geschützt. 48 e...e sowohl ... als auch. 51 desissir] vgl. dessesir bei Schwan-Behrens I. c. Glossar. 52 de foras ‘von auswärts’. maio (mansione) ‘Haus’, m. d’orde ‘Ordens- haus’.

Sprachliches: Zeisa < *peltia, mieig < mediu; luec < löcu, puescals < *pössiatis -scalis, Depueig < de pödıu, pueia < *pödiat, u < hödie, amdoi < *ambidui, pagaig < pacalı, tengug < *lenu-uli;, n: Jolia < Jolianu, bos < bonos, mo < m(e)um, e< in, inde, so < s(u)um, sunt usf., cofronta <.confronlal; noinh < nos inde, voinh < vos inde, renunciamh < renuntiamus inde;, sivada < *cibata (Hafer); maio < mansıione; lauzi < laudo, promeli < promilto, solvi < solvo, tieinh < teneo, relieinh < *reteneo; avenio Z adveni(e)bant.

Zur Aufhellung teile ich einige von mir persönlich von dem Munde des nicht mehr jungen Verkäufers der obigen Handschrift abgelesene heutige Patoisformen von Najac mit: du:z raus < duos *yvos, niau < növu, fir.k < föcu, ds»k < jdcu, üels < oclo (ls, dz durch- weg statt /3, d2); malı < malulinu, su < sunt (su malaus ‘sind krank’); gl» (e halb offen) < eecesia; be:bi < bibo, cre:zi (e halb offen) < credo. /

42 HERMANN BREUER,

Anhang.

Ich drucke noch eine weitere lateinische Urkunde ab, die ich gleichzeitig mit der obigen in Najac erworben habe. Ihr unterer . Teil ist abgeschnitten. Der Schrift nach scheint sie wesentlich jünger zu sein,

Noverint universi et singali, presentes pariter et futuri, quod facta quadam venditzore per Guilhermum Calveti, patrem Guilhermi, et dietum Guilhermum, eius filium, Petro Ribas de quadam vinea dictorum, patris et filii, scita (sic!) el campinas

5 ın feudo, ut ibidem dictum fuit, nobilis Johannis de Palheyrolus dominicelli confrontata ab una parte, ut ibidem [dictun:] fuit, cum vinea Arnaldi Queronii et ab alia parte cum terra et boygne (laygue?) Bertolomei de Amelhone et parte alia cum vinea Stephani Coia et si qui sint alii confines, precio undecim librarum

ı0o et quatuor solidorum Turonensium cum insti/orio super huizsmodi verditione sumpto et recepto per me notarzum infrascriptum est sciendum cuxctisqze sit notum ut supra, quod constitutus persona- liter in presentia mei notarii et testium infrascriptorum dictus nobilis Johannes de Palheyrolus, dominicellus et frater dommi ı5 Bertrasndi de Palheyrolus, guondam miilitis, dictam vendam laudavit et dictam vineam superizss confrontatam tradidit ad censum et ad accapitum nuzc et in perpetuum dicto Petro Ribas ibidem presenti, stipulanti et recipienti pro se et suis successoribzs universis, presentibzs et futuris cum tribzs pon- 20 haderis anone mensure Caslucii, quas retinuit de censu anno quolibet in festo beafi Juliani, et cum uno denario Caturcensz, quem cognovit de accapito haduisse, et cum alio denario Caturcens’, quem retinuit de retroaccapito, quando accidet, domino vel feudatario permutanti et vendis salvis et retentis 25 ac aliis juribzs feudalibas quibzscumgque consuetis salvo et retento per dic/um dominum feudalem, quwod dictus Petrus Ribas neque sui dictam vineam superius confron/afam non possit vendere, dare seu inpignorare seu alzas ullomodo alienare militi, clerico neque domui religiosorum nec dare seu alias (Hs. al) concedere

30 ad supercensum nec ponere. ....... ne 2 rn ee de . aliam servitutem neC .. 2.2. 200% Anmerkungen: 4 scala = siıa.. 4 campinas] vgl. die

Campine Belgiens; e/] gleichsam e/ terrador de. 7 wohl kaum

l’aygue (aigua) ‘Wasserlauf’, eher dboygne, boina (*bolina) ‘Grenze’; b ist graphisch mehr gesichert. Unter demselben *doiina reiht v. Wartburg obiges bowla ein. Vgl. auch *dudila bei Gamillscheg, Franz. Etym. Wört. S.ı18. 10 cum institorio “mitsamt der Ge- schäftsgebühr,. 11 est sciendum] in Hs. Zs/ mit Punkt davor; ich wollte das Anakoluth beseitigen. 15 venda] romanisch st. lateinisch; ähnlich Sonhadera ‘ein Getreidemals. 20 Casluai]

EINE PROVENZALISCHE URKUNDE AUS NAJAC VOM JAHRE 1310. 43

der Stadt Caylus en Quercy (Tarn-et-Garonne); vgl. casirı de Castlus Teulet, I, 93, 286®.

Zeichensetzung: Ein breiter Punkt steht hinter /utur! ı, Guilhermi 3, Ribas 3, dominicelli 6, Queronii 7, Amelhone 8, Coia 9, Precio q, librarum 9, Turonensium 10, infrascriplum ı1,confronlalam ı6, Iradıdıl 16, perpeluum 17, anone 20, Juliani 21, habuisse 22, reiro- accapilo 23, accdel 23, permutanli 24, relentis 24, consuelis 25, feudalem 26, clerico 28, religiosorum 29, sußercensum 30. Nach Caturcensi (am Zeilenende) langer Gedankenstrich. Im übrigen stammt die Zeichensetzung von mir.

Grofsgeschrieben sind u.a.: Quod 2, Zst 11, Quod ı2, Ei 2ı, Et 22, Et 24, Ac 25, Salvo 25.

Salvo el retenlo geht wohl auf alo denario zurück.

H. BREUER.

Zu altit, morfire „fressen“,

Diez 386 hat altit. morfire „fressen, tüchtig essen“ und afrz. morfier dass. bei Carpentier mit mndl. morfen, mhd. murpfen „ab- fressen“ verbunden, Th. Braune, Zr?. 2ı, 216 für morfire und morfler ein ahd. *murphjan nach alemann. mürpfen, aargauischem mürpfe „beim Essen den Mund vollstopfen“ angesetzt und Meyer-Lübke, REW. 50682 it. morfire auf ein langob. *mor/jan unter Berufung auf mndl. morfen zurückgeführt. Diese Angaben über rom. und germ. Verba bedürfen einiger Berichtigungen. Beginnen wir mit dem Rom. Wie steht es mit afrz, morfier? Diez führte es aus Carpentier, d. i. Du Cange-Carpentier IX, 277b an, wo aber nur auf den Artikel morphea 1 des mlat. Wörterbuches verwiesen wird; in diesem Artikel V,522a wird morfler erwähnt, aber nicht belegt. Dagegen belegte God. V, 408b alierdings morfer „manger goulüment“ aus Noel du Fail, Daliverneries d’Eutrapel, chap. 2 und aus „Cinquiesme partie de la muse normande“, jüngeres mor fer „manger“ aus Sorels Francion, dazu ein von morfier abgelcitetes morfiaille „gourmandise* und merkwürdigerweise auch „mauvais vin“ aus Cotgrave, ein von morfiaille gewonnenes morfailler „manger avec avidite, devorer* aus Rabelais I, 5, wo es gegen den Schlufs des Kapitels steht. Somit verzeichnet God. morfier und Ableitungen nur aus Texten des ı6. und 17. Jahrhunderts. Es ist ausgeschlossen, dafs ein morfier „gierig essen“ im Afrz. des 12, 13., 14., 15. Jahrhunderts bestanden habe, ohne ein einziges Mal in der reichen Literatur dieser Zeit aufzutreten; man kann nicht von einem „afrz.“ morfier sprechen, sondern höchstens von einem mfrz. Worte Herkunft dieses morfier von einem altniederfränk. oder ahd. Verbum ist wegen des späten Auftretens von morfier unmöglich. Da das Frz. des ı6. Jahrhunderts überaus reich an it. Lehnwörtern war, so stammt mfrz. morfier wahrscheinlich von altit. morfire „fressen“. Da der Stamm und die Bedeutung völlig übereinstimmen, kann die Verschiedenheit der Konjugationsklasse die Herleitung nicht ausschliefsen. Die von Herzog, ZrP. 23, 370 verzeichneten Fälle des Überganges von -ir zu -ier bei echt frz. Verben gehören allerdings dem Lothr. und Wallon. an und stützen einen Übergang von *morfir zu morfier nicht, das, noch von Pariser Sorel gebraucht, wohl vom Pariser Ilofe ausgegangen ist, sich freilich später in die Normandie bis Rennes verbreitete, wie der Gebrauch in der „Muse normande“ und durch Du Fail aus Rennes zeigen, während der

JOSEF BRÜCH, ZU ALTIT. MOKFIRE „FRESSEN®, 45

unstete Rabelais sein morfiailler irgendwo kennen gelernt haber. kann. Auch in Paris und Umgebung konnte altit. morfire, dessen Endung vielen es übernehmenden Franzosen nicht sicher bekannt war, unter Bewahrung des z zu den Verben auf -er übergeführt, insbesondere ein viel gebrauchtes altit. morffa „er pflegte zu fressen“ in 2/ morfioit französiert werden. Meyer-Lübke hat unter den Ver- tretern des germ. Verbums im Rom. mfrz. morfier mit Recht nicht angeführt, hätte es freilich als Lehnwort verzeichnen sollen. Diez und er haben germ. Herkunft von morfire (morfier) unter Berufung auf mndl. morfen angenommen. Auch mit diesem Worte hat es eine eigene Bewandtnis. Verwijs-Verdam führen in ihrem mndl. Wörterbuch 4, 1935 morfen „kauwen, herkauwen“* nur unter Hin- weis auf den Artikel morfen, morfelen „ruminare, remandere* im Wörterbuch von Kiliaen an, der den Brabanter Dialekt zugrunde legte (Te Winkel, Pauls Grundrifs 1?,795), und bemerken schliefslich: Het is niet ziker dat het woord in het Middelnederlandsch reeds bestaan heeft, doch het is zeer waarschijnlijk om oudfransch morfier „vreten“. Dem kann man nur beipflichten. Das von Kiliaen aus dem Südniederländ. der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bezeugte morfen stammt wahrscheinlich aus dem mfız. morfier, das gleichfalls aus dem ı6. Jahrhundert überlie'ert ist und das sich von Paris aus wie so viele andere Wörter und Wortformen nicht nur nach der Normandie, sondern auch nach dem Norden verbreitete. Auch das von Rabelais gebrauchte morfiuiller ist ja nach dem Norden des frz. Sprachgebietes vorgedrungen und im Hennegau als morfalier „manger avidement“ erhalten. Neundl. murf „Maul“ beweist nicht etwa die Bodenständigkeit des mndl. morfen. Franck, Ziymologisch woordenboek 662 betont, dals murf erst im Neundl. vorkomme, und stellt es zu mndl. morfen, das er als „ouder nieuwnederlandsch“ bezeichnet; danach ist murf erst von morfen abgeleitet. Diez führt neben mndl. morfen ein mhd. murpfen „abfressen“ an; schon der Umstand, dafs einem mhd. murpfen ein ndl. *morpen entsprochen hätte, weist darauf hin, dafs morfen nicht bodenständig ist. Dieses murpfen verzeichnet Diez wie noch Benecke-Müller-Zarncke, MAd. Wb. 2, 276 aus Johann Bernhard Frisch, Zeuisch-lateinisches Wörterbuch 1,675c, der murpfen, murfen „abnagen“ aus Pictorius anführte. In den eigentlich mhd. Texten kommt das Wort nicht vor, weshalb es Lexer in sein jüngeres mhd. Wb. nicht aufgenommen hat. Es wird aber durch schweizerd. murpfe „essen, kauen“ als verächtlicher Ausdruck (Staub-Tobler, Schweizerisches Jdiotikon 4,421), aargauisches mürpfe „beim Essen den Mund vollstopfen* (Th. Braune, Zr?. 21, 216), elsäss. mürfle „wie die alten Leute kauen“ in Mühlhausen (Martin-Lienhart, Wb.der elsäss. Mundart 1,654), bayr. mur fein, mor fein „mit geschlossenen Lippen kauen“ (Schmeller, Bayr. Wb. 1, 1647) gestützt. Endlich ist das von Meyer-Lübke im RZW. angenommene langob. *mor/jan durch *murpfjan zu ersetzen, das auch Th. Braune für das Ahd. angesetzt hat. Man wird also unter Berufung auf spätmhd. murpfen und die nhd. Dialektwörter, nicht auf mndl. morfen,

46 JOSEF BRÜCH, ZU ALTIT. MORFIRE „FRESSEN“.

ein langob. *murpfjan annehmen, daraus altit. morfire herleiten, daraus mfrz. morfier, morfer, daraus mndl. morfen. Bei der genauen lautlichen und begrifflichen Übereinstimmung zwischen morfire und *murpfjan ist am germ. Ursprung von morfire festzuhalten und die Verbindung mit rum. mo/fäl „knabbern, nagen“ aufzugeben, die Sainean, ZrP? 30, 310 vornahm und derentwegen er die germ. Herkunft von morfire, morfier verwarf. Er nahm onomatopoetischen Ursprung an, den schon Meyer-Lübke im RZW. mit den Worten „kaum Schallwort* ablehnte. Rum. mo//a: ist wohl slav. Ursprungs (Cihac 202).

Nachtrag.

Sainean, Sources indigdnes de l’eElymologie frangaise 1, 435 meint, morfier stehe für *morfilker, eine Ableitung von morfer. Nun wurde morfier 1548 von DuFail in seinen Baliverneries d’Eutrapel gebraucht. Er hätte morfier für *morflkr nur dann sagen können, wenn damals schon / zu y geworden wäre. Der Wandel von / zu y ist aber erst seit 1687 bezeugt (Meyer-Lübke, /rz. Gram. I, 163), also 130 Jahre später als morfier bei Du Fail. Saineans Auffassung ist somit unmöglich.

Joser BrRÜcH.

Revestor.

Questa voce occorre nel provenzale una sola volta, ch’ io sappia.. La ricavo dal luogo, che ora si vedrä, per il quale mi rifaccio alle due coblas, a botta e risposta, vivacissime, tra Fa'cö e Cavaire: codlas, che riproduco da H 5ı° e P 55'”?, con nuove cure critiche.1 Le due redazioni manoscritte sono indipendenti: eP, per quanto guasto, rispecchia, io credo, il testo migliore. Le varianti, superfluo dirlo, son quelle sole di senso.

Cavaire, pois bos joglars est,

digatz me per que‘l pe perdest: 3 s’aviatz crebat lo revest-

or, o mort romeu el cami;

gar tuit mas en vos fan boci: 6 mas pendre, ardre vos afı.

Cavaliers, pois joglars lo vest, de cavalaria's desvest;

9 c’us joglaretz del marges d’Est, Falcos, vos a vestit ab si: e sem demandatz qi'm feri,

ı2 e’us demanderai gi’us vesti.

2 d.lopepergep. H. 3 s’'manca H. cremaz P. trobat H. [Accolgo la corresione Lavaud, fresso Duc de la Salle de Rochemaure et R.Lavaud, Zes Troub. Cantaliens, 11 558; R.Lavaud, Notes Complemen- taires, p. 118). 4 ora o azromeuelclam P. or manca 11. 5 ge tot H. toz P. vos] uas P. uos fan detras b. H. 6 mas penda arde uos afı P. mas eu per me be uos nafı H. 7 Caualier poi uilars P. pois] cui H. lo manca H. 8's]elsP. des uetP. 9c’]mancaP. marcheP. 10 Falco H. Flacs (= Falcs) P. sa P, Il e sem] per gem H. 12 ge nocaus deman H. qe P. os H.

‘Cavaire, poiche buon giullare siete, ditemi perche il piede perdeste: se mai aveste scassinata la sacristia 0 morto un romeo su la strada; che tutti se non contro voi fanno boccacce; ma impiccagione, bruciamento vi garantisco.'

ı Per H v. ed. diplom. Gauchat-Kehrli, St. di Fil. Rom., V 521 (187 188); per P ed. diplom. Stengel, Arch. f. d. St.d. neuer. Spr.u. Lit., L 264. Cfr. Gr., 111,2; 151,1; e Duc de la Salle Rochemaure-Lavaud, Zes Troub. Cantaliens, Aurillac, 1910, Il 558—559; Lavaud, Zes Tr. Cant., Notes complementaires, Aurillac, 1910, pp. 117—119.

48 ° VINCENZO CRESCINI, REVESTOR.

‘Cavaliere, poiche giullare lo veste, di cavalleria si disveste; ch@ un giullaretto del maırchese d’ Este, Falcone, v’ ha vestito del suo spoglio: e se mi do:andate chi mi colpi, io vi domanderö chi vi vesti.’

Tralascio ogni piü largo commento, che, in parte, avrä suo luogo altrove, per non toccare se non di revestor. Si tratta d’un esempio di rima spezzata, di che rimane traccia nella corrotta lezione P. L’altra, H, & invece difettiva d’una sillaba:

o mort romeu el cami,

che di -or & sfuggita la ragione, non compresa neppur rell’ altro testo, per effetto di quella spezzatura, d’uso, comunque, non frequente e familiare.1 E nemmeno a un sagace come il Levy riemerse essa dal guasto delle due versioni. ll supplemento raynouardiano registra revest, recando i vv. 1—4 secondo H e soggiungendo i vv. 3—4 di P, senza alcuna anche ipotetica interpretazione. Il Levy si rifugiö disperatamente nell’ ampio seno del Tresor mistraliano, ripescandovi dal dialetto del Var rev2st, col senso ‘revers, Contraire, espieglerie’.”2 Anche il Lavaud non vide che rezes/ e non penso a riattaccarlo a -or dell’ ottosillabo seguente in P; ma ebbe l’intuito felice del senso vero del vocabolo, per quanto spezzato (reves/), e del passo.?

Per me chiaro che bisogna leggere, racconciando Pe com- piendo H, revestor, alla qual voce corrisponde esattamente reres/orium, aggiunto dai Benedettini al Du Cange nel debito posto.

‘Revestorium, Idem quod supra Revestiartum, nostris Sacrıstia. *

E revestiarium ha pur esso il suo riscontro provenzale in revesliari, col valore, sintende sempre, di ‘sacristia’”.5 Cosi I’ antico francese ebbe revestiaire, come, in altra maniera formativa, reveskur, reveslitoire, e, cid che piü importa nel caso nostro, revesloir re- vestorium, tutto col senso ognora di ‘sacristia’®: il luogo, dove i sacerdoti preparavansi, e preparansi, agli offici ed ai riti rivestendosi dei sacri paramenti prescritti.

Lo sciagurato Cavaire, monco d’ un piede, aveva contro a sc la voce pubblica, perch& nel medioevo, che tanti criminali puniva, con mutilazioni, chi mutilo compariva era assai male raccomandato e poteva passare per delinquente; onde il moncone faceva fouf simplement accusar Cavaire come strangolatore di romei e come, per dire a modo di Dante,

ladro, alla sacrestia, de’ belli arredi. VINCENZO CRESCINI.

I Diez, Die Poesie der Tr.?, p. 86, n. 2.

3 Provenz. Sußßl.-W., VII 319.

8 Les Troub. Cant., I1 558-559 e Notes compldmentaires, p. 113.

* Gloss. mediae et inf. Lat, .v Revestorium da Revestitorium.

5 Levy, Proven:. Supßl.-W., VII 3ı9; e Petit Dictionnaire Prov.-Fr. Vedi pure vestiari, Levy-Appel, Pr. S.-W., VIll 706; e il corrispondente vestiarium, presso Du Cange, col significato anche di ‘guardaroba‘.

® Godefroy, Dict. de l’a. I. fr., sotto le varie voci.

Die Wortsippe um aprov. galiar.

Man könnte die etymologische Kunst mit der Sternkunde vergleichen. So wie diese die Bahnen der Himmelskörper, so sucht jene die historischen Wege der Wortzeichen festzustellen. Und da gibt es nun am romanischen Worthimmel neben allerhand Kometen, Doppelsternen, Trabanten u. dgl. auch gewisse Stern- haufen oder Sternnebel, von denen wir weder wissen, von wannen sie kommen, noch wie sie entstanden, die aber da sind und gerade wegen ihrer Rätselhaftigkeit das besondere Interesse grolser Meister der Etymologie errangen. Ich nehme nun zur methodischen Be- handlung solcher wissenschaftlichen Aufgaben einen vom üblichen z. T. geradezu entgegengesetzten Standpunkt ein. Gewils war es ein enormer Fortschritt, als Schuchardt auf die Wichtigkeit begriff- licher Zusammenhänge in der Etymologie hinwies und seine Beweis- führungen vielfach auf der Synonymik aufbaute.e Doch war es andrerseits m. E. ein Mifsverständnis und Irrtum, wenn andere, so besonders Elise Richter, und teilweise auch Meyer-Lübke, diese begrifflichen Brücken, die Schuchardt baute, als historische Ent- wicklungsgänge hinnahmen resp. selbst ähnliche „Bedeutungs- entwicklungen“ (oft äufserst komplizierter Natur) aufstellten, welche sich bei einzelnen Worten ausgebildet haben sollten. Ich halte diese synonymischen Beziehungen oft für nicht mehr als rein theoretische Konstruktionen, die weit davon entfernt sind, die wirklichen Schicksale dieser etymologischen Sternhaufen zu ent- hüllen.

Um mich deutlicher aussprechen zu können, will ich gleich auf ein konkretes Beispiel eingehen und zwar auf den dem Probleme galiar besonders nahestehenden Aufsatze It. gal/ia von Schuchardt (Zs. fr. Ph. 29, 323, hierzu 25, 237 und 30, 214), der zu galiar in mancherlei Beziehungen zu stehen scheint. Hier, wie in seinen übrigen Etymologien, stellt Schuchardt ein Zentrum für seinen ganzen Sternhaufen, einen Stammvater für die ganze Wortsippe (wenn man die Sache historisch betrachtet) in It. gala auf. Ich halte die Rolle dieses Wortes vom Standpunkte der historischen Entwicklung aus für rein fiktiv. Für „Schwiele, Geschwulst, Hals- mandel*, die in Sch.’s Gedankengängen eine beträchtliche Rolle spielen, standen den Spätlateinern verschiedene ursprünglich von- einander ganz selbständige Ausdrücke zur Verfügung, die mit der

Zeitschr. 1. rom. Phil. XLVIL. 4

50 KARL V. ETTMAYER,

Zeit zu begrifflichen Verwechslungen und lautlichen Kontaminationen Anlafs boten: ganglium (speziell das „Überbein“), glandula (die „Halsmandel“, im Latein auch „Halsweh, Kropf“ [strüma, tumor)), gangraena resp. *cancraena („Krebsgeschwulst*), ga/us bei Orybasius (wahrscheinlich „Hüftgelenkentzündung“). Damit verbinden sich wahrscheinlich griechische Ausdrücke wie yd@AAıov (bei Hesych) für „Eingeweide“ und jenes x&AAaıa („Bart des Hahnes“), von dem, wenn es tatsächlich ein vorderasiatisches Wort war, nicht blofs It. gallus „Hahn“, sondern auch die yaAAoı („verschnittene Diener“ an Kybele) stammen mögen, insofern es ganz gut denkbar erscheint, dafs der Hahnenbart als Männlichkeitszeichen auch auf die Hoden übertragen sein konnte. Der Wechsel von x < y bereitet, soviel ich sehe, kein unüberwindliches Hindernis, zumal keines dem Romanisten gegenüber, der immer damit rechnen muls, dafs die griech. Tenues ala rom. Mediae erscheinen, und der deshalb in diesen halb medizinischen Ausdrücken auch calum nicht aulser acht lassen darf. Wie diese Worte untereinander zu gruppieren sind, woher sie stammen, wie sie vertreten sind, ist, wenn auch nicht ganz, so doch teilweise für den Romanisten eine cura posterior. Tatsache ist, dafs sie vorhanden waren, im Gebrauche standen und auch in den romanischen Sprachen ihre Spuren hinterliefsen. So ist das ital. gangola (Meyer-Lübke, Z#. Wb. 3777) mit seinen süd- italienischen Nebenformen siz. ganguni „grolser Zahn (Überzahn)*, calabr. gangularu „Kiefer“, molf. ghengodde „irgend ein Vorsprung“ ganz offenkundig von ganglium beeinflust Aber auch *gallıö „Halsmandel, Halsweh“, wie es längs der ganzen Adria in Italien fortlebt, scheint eher mit ganglium als mit galla zu- sammenzuhängen, hat sich aber, ‘wie seine Lautgestalt zeigt, mit xdAAaıov gekreuzt, das unmittelbar in nprov. gaioun, galhow „fraise de coq, caroncules de paon* wieder auftaucht. Gewils führen semantische Brücken weiter von Geschwulst, Wucherung, besonders am tierischen Körper, und zwar einerseits zu harter, runder Kiesel, Stein, andrerseits zu Trieb, Schölsling, Knospe, aber durchaus nicht immer im entwicklungsgeschichtlichen Sinne, so dafs „Geschwulst* zu „Keim“ wurde und nicht etwa umgekehrt ein Ausdruck für „Schöfsling, Blütenrispe, Fruchtzweig* den Worten für „Geschwulst* angepalst werden konnte. So manche „Wiesel“- kräuter, d.h. Zauberkräuter (zu griech. yaAlc), wie z.B. das gallium, das die Milch gerinnen macht, oder „Helm“kräuter (zu galea) führten von Hause aus Bezeichnungen, die galla nicht unähnlich klangen, aber mit dieser zunächst nichts gemein hatten, während andrer- seits germ. galle „Schwiele, Blase, Eishöcker“ (so in Tirol) in Frank- reich vielfach als rom. Lehnwort hereinspielte.e Dazu kommen dunkle vorrömische Wortbeziehungen. Im lilyrischen mufste dem griech. 40Aog, ebenso wie im Germanischen eine Form ga/ ent- sprechen, daher auch im Illyrischen „dunkelfarbig, schwarz“ event. mit diesem Worte wiedergegeben werden konnte. Wenn nun in Südtirol galaveise, djalavei: für „Schwarzbeere, Hleidelbeere“ ge-

DIE WORTSIPPE UM APROV, GALIAR, 5I

braucht wird und ein ähnliches Wort galadere für „aufgeblühte Knospe* im Albanischen auftaucht, so wäre es nicht unmöglich, dafs auch hier einer von den immer zahlreicher erkennbaren Ilyrismen der Östalpen vorläge.

Kurzum, wo die Synonymik eine etymologische Einheit be- hauptet, sehe ich eine homoionyme Vielheit. Nicht das einzige It. galla hat die zwanzig oder dreilsig romanischen Worte gezeitigt und die mannigfachen Bedeutungen derselben aus sich selbst heraus gezeugt, wie sie bei Schuchardt oder im #7. Wb. zu finden sind, sondern eine Fülle homoionymer Worte existierte, die zunächst ganz verschiedene Bedeutungen trugen, die aber im Laufe der Zeit allerhand analogische und begrifflliche Anpassungsprozesse durchmachten, so dafs es geschehen konnte, dals ein Wort, das zunächst den Gallapfel bedeutet hatte, gleichgesetzt wurde einem andern, das „Überbein“ oder das „Hahnenbart“ bezeichnete, und dafs sich daraus jene scheinbaren romanischen Grundtypen wie *galliö, *gallitta, *galliamen, *gallofa usw. entwickelten, die nur konstruktiven Wert haben, und denen in der realen Wortgeschichte kein Platz angewiesen werden kann. Es ist nicht meine Absicht, die Etymologien der rom. galla-Sippe hier zu erörtern, weshalb ich nur andeutungsweise meine Ansicht darüber äufsern konnte, viel- mehr will ich mich dem prov. galiar zuwenden und meine homoio- nyme Methode im Gegensatz zur synonymischen Untersuchung daran erläutern. Homoionymik heilst zunächst: alle irgendwie eruierıbaren Formen, die für ein etiymologisches Problem in Frage kommen, sammeln und zwar nicht nur die der romanischen Idiome, sondern auch aller jener Sprachen, aus denen die Romanen ge- schöpft haben können, also im lateinischen und griechischen Wort- schatz, im illyrschen und keltischen, event. auch im germanischen und arabischen, oder was sonst noch einschlägig wäre. Dann gilt es, die romanischen Formen nach ihrer Lautgestalt, ihrer Bedeutung, dem Zeitpunkt ihres ersten Auftretens und ihrer ursprünglichen Verbreitung möglichst festzustellen und mit den vorromanischen Worten, die in betracht gezogen werden könnten, zu vergleichen. Bemerken wir irgend einen begrifflichen oder lautlichen Sprung, der eine glatte Identifikation der romanischen Entwicklungsform mit dem ihm zugemuteten Etymon nicht ohne weiteres gestattet, so ist sofort zu untersuchen, ob nicht ein fremder Ausdruck herein- gespielt haben könnte. Das Resultat einer solchen Untersuchung ist dann allerdings keine „Etymologie“ in gewöhnlichem Sinne, sondern ein mehr oder weniger verästelter und verzweigter Stamm- baum von Etymologien oder besser: ein Flufssystem von solchen. Zum Ausgangspunkt wähle ich prov. galiar, denn dieses der aprov. Literatur ziemlich geläufige Wort, schon lange den Roma- nisten aus Guill. Figueira und Guilh. de la Tor bekannt, und das im Aprov. eine ganze Reihe von nominalen Ableitungen aufweist (galier, galiat, galiador, gahiairitz, galiars), ist ein relativ einfacher Fall. Ks kommt nur in einer Bedeutung, der des „Betrügens“ speziell

4*

52 KARL V. EITMAYER,

auch zwischen Ehegatten und Liebenden besonders seitens der Frau vor und hat keine weiteren Wandlungen durchgemacht, denn es ging später in den vielen, gleichbedeutenden Wörtern der Pro- venzalen unter. Die älteren auf Bernart v. Ventadorn, Peire d’Alvernhe und Raimbaut d’Aurenga zurückreichenden Belege zeigen uns das Wort schon früh der höfischen Sprache der Provenzalen angehörig. Von anderen rom. Sprachen kennt Guittone d’ Arezzo ein galkare gabbare, und im Nordfranz. bringt Godefroy einen ziemlich frühen Beleg aus dem Rou und einen ganz späten aus Guill. d. Machaut. Weitere Vorkommnisse konnte ich mit Hilfe der glos- siertten Ausgaben nicht eruieren. Auf der iberischen Halbinsel verzeichnet Echegaray galeador „embustero“ als veraltet (belegt bei Berceo). Aus modernen Dialekten ist es mir nirgends bekannt.

Meyer-Lübke greift, ohne auf Braune’s Bedenken (Zs. /. r. Ph. XXIlI, 206) weiter einzugehen, die Diez’sche Ableitung aus got. dvals wieder auf, obwohl sie durch mehr als einen Umstand wenig wahrscheinlich erscheint. Weder die gotische Bedeutung (einfältig) noch die westgermanische (Irrtum, Ketzerei) will sich so recht in die Verwendung von galiar schicken, und lautlich besitzen wir nach Auschluls von it. guercio kein zweites germ. Wort, das den Wortanlaut dw- den Romanen aufgenötigt hätte, doch zeigt sowohl: die germ. Behandlung dieses Wortes als auch die romanische Be- handlung von frk. /kwahlja, dals dieses d gewils keine Neigung zur Gutturalisierung hatte. Nun gibt es aber ein anderes, im Nordgerm. stark verbreitetes Wort, das lautlich und begrifflich besser zu passen scheint: nämlich schwed. altdän. galen „nicht bei Sinnen, verrückt, verdreht“, das auch ins Englische (gale vgl. Skeat) übernommen wurde. Besonders hervorzheben ist, dafs es mitunter auch „gefehlt, falsch“ (dän. gal/regne „falsch rechnen“) bedeutet. Das Wort gehört nach Torp-Noreen zu anord. gala „bezaubern, Zaubersprüche singen“ (vgl. dtsch. Nachtigall) und reiht sich sowohl hinsichtlich des Be- deutungswandels „bezaubern, betrügen“ (speziell auch in sexuellem Sinne), als auch in dem weder im Nordfrz. noch im Limusin. jemals palatalisierten g andern normannischen Lehnworten (z. B. gap) einwandfrei an. Die Schwierigkeit liegt nur mehr in der Stamm- erweiterung, da ein germ. *galigön ebenso unwahrscheinlich ist wie ein hybrides *gal-isare. Letzteres sollte prov. *galejar ergeben (vgl. gabejar, falbejar etc. Adams, Woriform. im Prov. p. 357), obwohl allerdings vereinzelt auch -sar-Formen (frepiar, seliar) vorkommen, die aber aus dem Nordfrz. importiert sein mögen.

Aulserdem belegt Mistral tatsächlich im Languedoc ein modernes galejd, galhejd als „coquetter, faire le fier, badiner, plaisanter, railler, faire le coq“, nebst galejado, galejaire, galejage (aus Marseille), dem sich bei Labernia ein katal. gal/jar „die Stimme drohend erheben, den schneidigen Kerl spielen, Übergehen (von Flüssigkeiten)“ bei- gesellt, das sich in span. gallear (alzar la voz con amenazas y griterias, sobresalir entre otros, enfurecerse con otro diciendole injurias, aber auch cubıir el gallo a las gallinas) fortsetzt. Im

DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 53

Gallego heifst gakcar nur mehr fecundar el huevo par el ‚gallo. Im Salmantino belegt Lamano y Beneite zwar galleado (fecundizado), doch stellt er dazu das Verb gallar. Dieses ist natürlich lat. gall- are (in den Glossen belegt), jenes *gallizare „den Hahn spielen“.1 Dals in einem Lande, wo die Halınenkämpfe heute noch als Volks- belustigung arrangiert werden, vor allem an den Kampfhahn gedacht wird, versteht man. Aber die „drohende Stimme“ gehört gar nicht in seine Rolle.

Weder im Kampf noch beim Bespringen läfst der Hahn seine Stimme hören, sondern nach erfolgter Begattung oder eventuell auf der Flucht. Diese „drohende Stimme“ mufs daher einem andern Worte entnommen sein. Tatsächlich zeigen die über ganz Frankreich und Italien verbreiteten Reflexe von gallare, *gallizare eine ganz andere Einstellung. Ersteres ist hauptsächlich in Süd- frankreich und Oberitalien, letzteres im gleichen Gebiete und aulserdem noch in ganz Uhteritalien und Sardinien verbreitet. Überall bedeutet es „obenauf sein wollen, vergnügt oder prahlerisch sein® (it. primeggiare, braveggiare, galluzzare, stare in giubilo). Der zänkische Charakter kehrt nur in Sizilien wieder (gaddiar! = sgri- dassare, patroneggiare. Biundi) und an einzelnen Punkten in Nord- frankreich, so in der Dauphine gaillon: se moquant de nous (Ravanat), in den Vogesen (garıd: chicaner, taquiner, deranger) und wallonisch in der Wendung fe vla be gailk, te voila bien fier, dedaigneux, singulier (Sigart). Dafs Nordfrankreich nur spärliche Reste der beiden Verba erhielt, erklärt sich aus dem Verluste von gallus. Doch ist die Bedeutung von sp. gallear auf ein anderes eigenartiges Wort übergegangen wenigstens im Osten Frank- reichs. In den Vogesen heifst galvauder (nach Haillant) „gäter, contrarier*, mitunter „railler, arranger, conduire, commander“. Doch der feindselige Sinn scheint vorzuwalten, denn in der Bresse übersetzt es Guillemaut mit „mettre en desordre, gäter“ (daneben auch fläner), der Die. gen. mit avilir, humilier par reproches, und ebenso führt Piat nprov. Synonyma an, die beiläufig „anschreien, niederdonnern“* bedeuten. Das Wort kann nur von einem germ. Namen *Galabold oder *Galawald stammen: den Galabold spielen! Da haben wir das nordische ga/a „etwas beschreien, Zauberlieder singen“! Und damit wäre ich zur ersten Bedeutungs- resp. Wort- transfusion gelangt: It. gallare „das Bespringen des Hahnes“ resp. ein jüngeres *gallizare „den Hahn spielen“ transfundiert mit einem aus anord. gala gebildeten Verb resp. dessen Nebenformen, die ursprünglich „zaubern“ bedeutet hatten.? Aber die Sache geht noch weiter. Auch in Westfranken ist galvauder heute noch mehr- fach vorhanden, aber hier waltet die Bedeutung „fläner, vaga- bonder“ vor: so in der Normandie, in der Maine, im Anjou.

ı WVorbereitet durch ein von gallus ausgehendes, an gaudescere an- gelehntes gallescere (cfr. Du Cange).

8 Unmittelbar liegt nord. galen vor in manc. de galo de travers, con- trairement au vrai sens.

54 KARL V. EITMAYER,

Danchen existieren ähnlich klingende Wörter wie anj.: envoyer au galivage, en voyer qqn au loin pour s’en debarasser, Äfre en galivage courir la pretantaine, mainc.: ga/voeee courir par monts et par vaux (Dottin). Endlich gehört hierher norm. galigds r&jouissance de;- ordonnee, litteralement ripaille de galins-gallois, c’est A dire de gueux sans vergogne, de dröles de la pire espece (Moisy). Damit gelangen wir zu einer zweiten Worttransfusion; es sind verschiedene bre- tonische Wörter, die sich dem nord. ga’a beigesellten: galvoeee entspricht einem germ. *walhiskare, ist also eine verbale Ableitung zu afrz. galesc, galois, jenes bekannten afrz. Namens der Bretonen (Gales), welcher uns seit dem 14. Jh. als generelle Bezeichnung eines lustigen Gesellen, guten Kameraden, Spalsmachers, einer hübschen Sache usw. entgegentritt. Die Verwendung des Wortes in diesem Sinne muls indessen wesentlich älter sein, denn nprov. galoi „jovial, joyeux, de belle humeur“, muls, obwohl in der aprov. Literatur nicht belegt, nach Ausweis seiner Lautform, schon am Beginn des ı3. Jh’s, wenn nicht schon im ı2. in Südfrankreich Verbreitung gefunden haben. Wir müssen wohl annehmen, dafs die bretonischen Laissänger & la Bledherik seit den Tagen Hein- richs I. bis in die Provence hinab, ja selbst weit nach ÖOberitalien hinaus, wohlbekannte Gäste waren, denn heute noch sagen die Bormij: canlar in galf$ (allerdings von den Hühnern, da wieder eine Transfusion mit gal/ „Hahn“ eintrat), die Mailänder ride rn galesch ridere sardonicamente. Ich kann mir wohl denken, dafs diese Leute von jenseits Broceliande nicht blols ihre Mabinogion- Geschichten (wohl meist in halbfrz. Sprache!) vorgetragen haben, sondern auch praktisch das „Zaubern“ als bequemes Mittel, sich im Leben durchzuschwindeln, nicht verschmäht haben werden. Das obige galigas wäre demnach geradezu als gali-gabs (zu afız. gaber, bret. goaß) zu deuten. Auch galivage erscheint mir als eine scherz- hafte Umdeutung des seit dem Beginn des 15. Jh.’s auftauchenden romavage „Pilgerfahrt“, dem bekannten roumavagı der Felibres. Ob noch weitere Bretonenworte resp. Ausdrücke, mit denen man die Bretonen kennzeichnete, hereinspielen, wage ich nicht zu ent- scheiden. Dem frz. galvander sieht nicht blols galvage, sondern auch bret. galvaden „cri d’appel“ (zum gleichen idg. Wortstamm wie anord. gala gehörig) sehr ähnlich. Doch sind lautliche wie begrifliche Schwierigkeiten damit verbunden, die ich nicht zu überwinden vermag.

Nebenbei möchte ich erwähnen, dafs auch galvauder alleıhand Transfusionen mit galoper (besonders im Westen), mit deborder (gren. galıbourdd), mit bonfemps (gren. und tarant. galabontein und ebenso schon im Vaux de vires des alten Basselin als galedbontemps, vgl. Godefroy), endlich mit doffes (manc. galibotE marcher dans la boue) durchmacht.

Doch vor allem werden wir afrz. galer (resp. esgaler) unsere Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Dafs dieses nach Godefroy schon im 14. Jahrh, in der frz. Literatur besonders im 15. und

DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 55

16. Jahrh. belegte Wort mit den galois zusammenhängt, kann kaum bezweifelt werden. Seine Bedeutung „s’amuser, se r&jouir, danser, faire la noce“ (God.), die namentlich in den modernen Dialekten vielfach im speziellen Sinne des Herumziehens von Wirtshaus zu Wirtshaus und dabei Excedierens gebraucht wird, schlielst sich ganz eng an die Wortgruppe an. Schon Rustebeuf gebraucht das gale im Sinne von rejouissance.1 Bei Villon finden wir faire la gale se livrer & la joie, au plaisir. Dazu das heute in ganz Öst- frankreich verbreitete ga/e m&chante personne, das auch im Westen (norm. mauvaise gale m&chante personne) gelegentlich auftaucht. Wir sind hier dem galiar, von dem wir ausgingen, sehr nahe- gerückt. Tatsächlich kann man unmöglich erkennen, ob afrz. galie „prostituee“ (Bastard de Bouillon, heute noch in Savoyen), galier coureur de galas, homme de joyeuse humeur (u. a. bei Rabelais) und galeresse (God. 1279) zu obigem galer oder zu galiar, galiador, galiairitz zu stellen ist. Aber auch andere Ausdrücke sind kaum zu unterscheiden. Godefroy zitiert aus dem Blanchandin die Form gaalise, das mit mit. gadalıs (afrz. jael, jaial, prov. gazal, bret. gadal) ein früh belegtes, etymologisch dunkles Wort für „Prostituierte“ ist. Auch kelt. ga/ „Kraft, Macht“ spielt offenbar herein, wenn Jehan de Preis das Wort gakois (lies: galois) für „fort, venerable* ver- wendet. Das ist schliefslich nicht verwunderlich. Dafs Bretonen in England und vielfach auch in Frankreich umherzogen, wissen wir, dafs sie dabei auch Erzählungen ihrer Heimat zum besten gaben, ist wahrscheinlich. Dafs sie dieselben in rein bretonischer Sprache vorgetragen hätten, ist kaum denkbar. Das afız. drefunner wird wohl ein keltisch-französisches Kauderwelsch gewesen sein, ähnlich dem Franko-Italienischen in Oberitalien; und da konnte es wohl geschehen, dafs bretonische Worte im Sinne gleich- oder ähnlich- lautender französischer Ausdrücke Verwendung fanden, und um- gekehrt. Darum müssen wir, sobald wir in diese Sphäre geraten, das Bretonische ebenso berücksichtigen wie das Französische. Wenn die Franzosen die Bretonen als die galeis oder galoıs bezeichneten, so hiels (resp. heifst heute noch) umgekehrt auch der Franzose (und Engländer) bei jenen gal/ oder gallö, d. i. Fremdling. Man glaubt dieses Wort mit Suffixwechsel an dtsch. Gast, It. hostis anknüpfen zu sollen. Aber ich hege in dieser Hin- sicht meine Zweifel. Das neukeltische Verb für „gehen, werden“ besteht ähnlich wie der französische Ersatz für It. ie, aus einer Auswahl nur mehr defektiv flektierter Verba, unter denen ein Stamm *all die Aufmerksamkeit des Romanisten besonders erregen muls (vgl. Pedersen, Vgl. Gr. II, 452). Zu diesem gibt es nun Präteritalformen mit einem schwer erklärlichen Vorschlags-g: corn. gallas „er ist gegangen“ resp. Part. gyllys (l.c. p. 275). Dieses g kann durch Einmengung der Flexionsformen von gallaf „ich kann“

1 Hierher vielleicht auch das bei G. de Coincy belegte gauler = dis- siper (?) (God.).

56 KARL V. ETTMAYER,

eingedrungen sein. Es ist nun merkwürdig, dafs die beiden Namen, unter denen die Kelten in Südeuropa auftraten, als Galli in Italien und als [«&Aaroı in Griechenland und Kleinasien, gerade diese beiden Wortstämme enthalten. Der Name der Gall wird schon lange als „Fremdlinge* gedeutet, und die kühnen Geschichts- konstruktionen, die man benötigte, um zu erklären, wieso die Gallier sich selbst als die „Fremden“ hätten bezeichnen können, werden überflüssig, wenn man an Stelle dessen „Wanderer setzt (und als solche sind ja die Kelten tatsächlich nach Italien gekommen). Der Wanderer ist aber derjenige, „der gegangen ist“ (d.h. aus der Heimat fortzog), so dafs zwischen dem Präteritum von „Gehen“ und der römischen Volksbezeichnung tatsächlich ein Zusammen- hang bestehen kann. Dafs in einem defektiven Verb alte Sprach- reste fortleben können, ist an sich wahrscheinlich... Dazu kommen aber noch einige weitere Indizien. Gewisse wandernde Händler und Handwerker hielsen bei Griechen und Römern gallodromi, es scheinen nach den Berichten (siehe Thes.) die antiken Vorläufer der mittelalterlichen galoıs gewesen zu sein, die bis nach Hispanien kamen. Ich glaube nicht, dafs Leumann das Wort richtig mit usque in Galliam currentes übersetzt, denn Gallien war für die antiken Kulturländer bei weitem keine ultima Thule ich meine vielmehr dafs galli selbst „die Wandernden“ hiefs, dem erklärend das griech. doouoL beigefügt wurde. Auch die jungfräulichen britan- nischen Priesterinnen, die Gallisenae (bei Mela 3, 6, 48), mögen recte galli-genae („von Fremdlingen oder Wanderern Abstammende*) gewesen sein, daher ihre Jungfräulichkeit! Endlich scheinen die cisalpinen Gallier ein Wort dieses Stammes besessen zu haben, denn die in den lombardischen Alpen noch erhaltenen Wendungen mandär in galia (Bormio) „in die Fremde schicken“, /erra di galia (Posch) „fernes Land“ können sich natürlich weder auf Gallien, noch kaum auf Galiläa beziehen. Auch zum mittelalterlichen Bre- tonischen finde ich keinen Weg.

Der Name der Galat! wird aber wohl mit Recht als die „Mächtigen“, die „Starken“ gedeutet sie waren aber ebenso auf Kriegswanderschaft begriffen gewesen wie die italischen Galli. Ich frage mich daher, ob da nicht mehr als eine blofse Laut- ähnlichkeit zwischen den beiden Namen bestand, sei es, dafs ein alter Ausdruck für „mächtig sein, zeugen* zum Begriff „werden, gehen“ übergeleitet wurde, sei es, dals schon die auf Kriegsfahrt befindlichen Kelten die Ausdrücke für „wandern“ und „mächtig sein“ miteinander vermengten.

Ich mufste bis in diese dem Romanisten wenig vertraute sprachliche Prähistorie zurückgreifen, denn das afırz. Wort galer, nprov. galejd bedeutet nicht blofs „sich vergnügen, excedieren“, sodern hat noch manche weitere Verwendungen gefunden, die mir auf ein weit höheres Alter, als das zunächst in Betracht gezogene, zu verweisen scheinen (auch diese Bedeutungen sind allerdings nicht vor dem 14. Jh. belegt). Von Amyot bis Lafontaine wird galer öfter für

DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 57

„reiben, bürsten, kratzen“, daneben auch für „schlagen“ gebraucht. Puitspelu führt Iyon. galöre für eine „steinbeschwerte Bodenbürste“ an, Moysi gibt „schlagen“ an. Daneben in der Normandie, Anjou und Maine galeter, galter battre l’air avec les bras en proie ä une suflo- cation violente (Verrier et Onillon), se tordre dans l’agonie (Dottin). Man denkt hier natürlich an Aalefer aber woher dieses? Der Kampfhahn ist beim Sterbenden kaum das Vorbild gewesen. Aber dazu gehören nun begrifflich einige nprov. Formen, die wieder an *gallizare erinnern. Mistral übersetzt galejd im Lim. und Lang. mit cerıbleer gemeint zu sein scheint das „Worfeln“. Das von ihm zitierte Beispiel aus Bonnet ergibt aber den Sinn der „im Wind bewegten Getreideähren“. Die gleiche Verbalform aus dem Querci kennzeichnet die Bewegungen der Forelle (oder eines andern Fisches) zwischen den Steinen des Baches. Es mufs mithin in Westfrankreich irgend ein Wort gegeben haben, das „unnuhig hin und her bewegen“ bedeutet hatte und in verschiedenster Weise Anwendung fand. Auch in Oberitalien glaube ich Spuren eines solchen Wortes gefunden zu haben. Piem. ga/avia „eine Art Dresch- flegel“ kann natürlich kein direkter Abkömmling von piem. kavara (vgl. Meyer-Lübke, WS I, 239) sein, das allerdings zu caballus gehören mag. Lomb. gar wird ı. für den Laubengang, in dem sich der Vogelsteller ungesehen bewegen kann, 2. für den Kanal oder die Grube, in welcher der Gerber seine Felle einlegt, 3. ver- einzelt auch für den Wagen gebraucht, jedenfalls handelt es sich immer um einen Weg resp. ein Mittel zum Fortbewegen. Ob it. galleria ursprünglich den „Wandelgang“ bezeichnete, mufs dahin- gestellt bleiben, ich lasse es daher hier beiseite. Für alle diese Worte ist keine irgendwie befriedigende etymologische Verbindung zu finden.! Ich denke nun an folgende Möglichkeit. Gesetzt, der kelt. Wortstamm *al/ mit der Präteritalform *gal/ hätte schon im Altgallischen bestanden, so würde sich aus ersterem bei Über- nahme ins Romanische die Quelle zum präsentischen *alare „gehen“ ergeben, wie es uns in den Keichenauer Glossen begegnet, wie wir es aus nordfrz. aller und altfurl. alar kennen. Gewils wäre das keltische Wort kaum von den Romanen rezipiert worden, wenn cs dem It. amöulare nicht so ähnlich geklungen hätte. Aber andrer- seits konnte amdulare nur auf altkeltischem Boden *allare ergeben. Daneben mülste m. E. ein präteritales *gallare gestanden haben „auf der Wanderschaft sein, sich unruhig hin und her bewegen“, das in die verschiedensten Wortbildungen hineinspiclen konnte. Und dieses altgallorom. *gallare hätte den viel späteren Ableitungen aus afrz. galois gewissermalsen vorgearbeitet.

Aber damit ist die Form gakar noch immer nicht erklärt, obwohl einiges des homoionymen Gesamtbildes vor und nach dem Auftreten dieses Wortes bereits festgestellt werden konnte. Mit

2 Aus Raummangel mufs ich es mir versagen, diesen Satz im einzelnen zu erbärten.

58 KARL V. ETTMAYER,

*gallizare steht galiar in keinerlei näher formulierbarem Zusammen- hang. Alle anderen etymolozischen Schürfungen führten immer wieder zu einem Verb *gallare. Und ob ich vom anord. gal2, ob ich vom Bretonischen oder dem Altgallischen ausgehen wollte, immer wieder stiefs ich bei meinen Versuchen, eine Erweiterung des Präsensstammes ansetzen zu wo:len, auf Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten. So festigte sich im Verlaufe meiner Untersuchung in mir immer mehr die Überzeugung, es müsse noch eine weitere Worttransfusion mit einem lateinischen Worte stattgefunden haben, das der s»inerzeitigen Schriftsprache angehört hatte und in halb- gelehrter Weise das / vor dem Hiatus ; nicht zur Palatalisierung brachte (also nach Art von palie, navilie, milie, concılie). Als solches kann aber nur gaka resp. eine davon ausgehende Ableitung in Frage kommen. Etwa It. gakare? Es ist belegt und bedeutete mit der galea bedecken, infolgedessen „verbergen“ (CGl. V 639, 25). Aber ı. ist das Verb selten und namentlich in späterer Zeit nur bei Tertullian und Priscian belegt (cf. Z’hes.), 2. gibt es keinen rechten Sinn. Es ist im Romanischen kein Reflexiv, und andrer- seits ist eine Wendung „jemanden betrügen, indem man ihn mit dem Helm bedeckt(?) oder verbirgt (?)* unverständlich. Auch eine direkte Anknüpfung an galea ist nicht dienlich. Man erfährt aus dem T7%hes. nur, dals die galea namentlich in späterer Zeit (Isidor zum Trotz) gewils nicht aus Leder, sondern aus Metali (cristata, nılens, gemmis [ornata] etc.) gefertigt war, ja sogar schon Varro sagt aerea terla nitel galea, so dals die Ableitung aus yal&n „Wiesel- fell hier fraglich erscheint; sodann, dals eine galea auch als Gefäfs (bes. für Wasser) dient, und dafs Columella einmal den ap.x gal- linae mit der (gehörnten) ga/a gleichsetzt.e Auch Drac. Rom. (Ende 5. Jh.) spricht einmal von einem galealus afex.

Offenbar ist hier galeatus apex als Umschreibung für gakar gebraucht, der kein Helm, sondern eine Fellmütze war (auch die Perücke wird damit bezeichnet), in spätlateinischer Zeit aber jede Art von Kopfbedeckung bedeutet zu haben scheint. Es ist die seltenere, doch noch bei Cassiodor und Frontinus gebrauchte Form gegenüber dem gleichbedeutenden galerum (auch mask.). Es dürfte eine altgriechische und altitalische Art von Kopfbedeckung bes. der Hirten gewesen sein, denn wenn sie Vergil den Pränestinern, Statius den Arcadiern zuweist, so können diese Dichter dies gewils nicht ohne Stützung auf irgend eine Tradition getan haben. In der Zeit Suetons trägt man es in den jopinis. Es scheint sich tat- sächlich um Felle von Wildtieren (Wiesel oder Wölfen) gehandelt zu haben, ähnlich der sard. mas/fruca. Daneben bezeugen die Glossen deutlich seine Verfertigung aus Binsen mit mantelartigem Charakter (falleum). Seine Form scheint ebenfalls gewechselt zu haben, da es bald der ara, der mitra, dem cıdaris (aus Linnen), dem filleus, calamaucus, CG1.NV,522 auch dem capellus „Hut“ gleich- gesctzt wird. Auch während und nach der Völkerwanderung ist das galerum allgemein üblich, ja dient sogar als nomen genericum

DIE WORTSIPPE UM APROV, GALIAR. 59

für „Kopfbedeckung“ überhaupt.! Bei Claudian (Ende 4. Jh’s) lesen wir Alercurius galero teclus. Im Conc. Matisc. (a. 585) heifst es secwlares galerum de capıite auferant („haben ihr Haupt zu ent- blöfsen“) usw.

Mit dieser starken Verbreitung des \Vortes geht Hand in Hand ein militärischer Legionärausdruck. Schon Caper und später Vegetius berichten, dafs die calönes (d. i. die Trofssklaven, welche ihren Herren ins Feld folgen) und die Zixae (d. i. die Marketender), galearii, auch galiarii, galliaru genannt werden, offenbar das galear der cassis gegenüberstellend („bemützt“, nicht „behelmt“.) Dafs diese mit den Heeren herumziehanden Leute ein übles Volk sind, ist nur zu verständlich, weshalb sie denn auch als /afrones, buccellarüi etc. bezeichnet werden. Auch bewaffnet scheinen sie in späterer Zeit gewesen zu sein. Andrerseits ist aber von Wichtigkeit die Glosse *galzarıius (geschrieben gallarius) (CG. V, 600), also opifex infimi generis und galiaria (eine von Caper getadelte Angleichung an Zxra), negotii alieni mercator (CG/. V, 204). Wir erinnern uns der gallodromi, die ich als wandernde, keltische Händler betrachtet hatte, hier scheinen sie als gakarıl wiederzukehren. Der Aus- drack duccellarü, ein in der Völkerwanderung ausdrücklich bei Goten bezeugtes und bei den Römern verbreitetes Wort, wird glossiert mit parasitus, adulator, blanditor, scurra. Ich glaube, dafs die Laut- ähnlichkeit zwischen galearıus und gallodromi kein Zufall ist, und dals das fahrende gallische Volk der römischen Zeit einen guten Anteil am Trols der Legionen und der germanischen Kriegsscharen gehabt haben wird. Das Wort verschwindet auch nach der Völkerwanderung noch nicht. Du Cange belegt galiator nebulo, flagitiosus und galiare „vagabundieren und betrügen“. Im 12. Jh. wird galialor in galiardus, später goliardus (mit Anlehnung an gula oder collegium ?) umgesetzt. Und damit sind wir bei der letzten Worttransfusion angelangt. Ein halbgelehrtes Wort gal.arıus kreuzte sich mit dem mehrfach ent- springenden *gallare und ergab galealor, woraus ein *galare ab- geleitet wurde. Es ist der vornehmste, gebildetste Ausdruck für dieses fahrende, gallische Gesindel gewesen, der der mittelalterlichen Gesellschaft zur Verfügung stand und den provenzalischen Hof- sängern nicht unwürdig erschien, in ihre Kunstsprache aufgenommen zu werden. Im Volke ganz Frankreichs war das Wort auch ver- breitet, hier hat es das /mouilliert! Es ist hier auch zu einer viel günstigeren Bedeutung gelangt, denn Turold schreibt v. 3113:

Gent ad le cors gaillart et ben seant

worin ich wieder eine Umdeutung im Sinne von bret. ga/ „Kraft“ erblicke. ennoch ist es auffällig, dafs dieses heute noch allent- halben übliche Wort von keinem der höfischen, nordfrz. Dichter an- gewendet wird. Ein übler Beigeschmack muls ihm doch angehaftet

1 Milo, der Lehrer Hukbalds (Ende 9. Jh.’s), bezeichnet damit geradezu das „Kinderhäubchen“ (Mon Ger. P. I, m:daev. ILL De sobrietate v. 913).

60 KARL V. EITMAYER, DIE WORTSIPPE UM APROV. GALLIAR.

haben. Dafs germ. geil in Nordfrankreich auch mit beteiligt war, ist möglich, aber nicht notwendig anzunehmen.

Ich bin mit der Untersuchung eigentlich noch nicht zu Ende. Dem galiador hängt sich der galiot „Pirat, Seeräuber, Ruderer* an, der, von galie „die Galeere“ ausgehend, namentlich seit dem 16. Jh. im Gebrauch an den alten galiador öfters anklingt. Das Wort galıe, galee selbst scheint eher mit dem Keltischen als mit dem Griechischen zusammenzuhängen, wo weder x&4o» noch Yan einen wahr- scheinlichen Anschlufs bieten, besonders mit Rücksicht auf die dem Mittelmeer fehlenden, von den Romanisten wenig berücksichtigten mhd. Formen galine, galinaere, die mir eine keltische Grundform gal-äfa resp. gal-ina als „Kampfschiff“* wahrscheinlicher machen. Auch die Geschichte von gal/ant ist keineswegs einfach. Zunächst eine Art Brigant bezeichnend, wird es wohl das Part. präs. zu galer gewesen sein, das aber nicht den ersten Ausgangspunkt gebildet haben dürfte, vielmehr leitet eine Reihe mittelalterlicher Zeugnisse, wie das bei Du Cange gebuchte galo „Strafe der im Konkubinat lebenden Priester (England)* zu den gallantes der Antike (Varro, Plinius = insanientes), die sich wieder bei den verschnittenen Kybelepriestern, galli genannt, verlieren, womit wieder ein neues Glied der ganzen düsteren Wortgruppe einzureihen ist. Dafs gala, gallon mit galla (Meyer-Lübke, £1. Wib. 3655) nichts mehr zu tun hat, brauche ich wohl nicht erst zu erweisen, wohl aber möchte ich bemerken, dals it. galluzzare zu galluzzo „junger Hahn“ gehört und teils an galer, teils an galligare angelehnt wurde. Manches, was Schuchardt mit gal/z verband, ist von frz. gaule (Meyer-Lübke 9496) nicht zu trennen. So reiht sich ein Ausdruck an den andern, und man fände füglich kein Ende.

Ich hätte die ganze Abhandlung in drei Zeilen erledigen können: aprov. galiar, afrz. galier stammen nicht, wie seit Diez angenommen wurde, von got. dvals, sondern von halbgelehrtem, mittelalterlichem lat. galiator, das selbst auf spätlat. galearıus zurück- zuleiten ist, und das Verb nach sich zog.

Aber wer verstünde dadurch, wieso der „Bemützte“ zum „Betrüger“ werden konnte? Und wer begriffe, was für Leute diese Betrüger waren und wie sie Betrug übten? Wie sich dieser Ausdruck zu begriffsverwandten und ähnlich klingenden Wörtern verhält ?

Die etymologischen Deszendenzreihen sind recht schön, und Bedeutungssynonymik ist ein wichtiges Hilfsmittel zur Feststellung etymologischer Zusammenhänge. Aber beide hängen historisch in der Luft, wenn nicht das hinzutritt, was ich das Studium der Homoionymie nenne.

Karı v. ETTMAYER.

Die reflektierte Handlung im C/iges.

Cliges ist der Roman, mit dem Chrestien von Troyes den Geschmack seines höfischen Publikums am besten getroffen zu haben scheint. Es liegt nahe zu untersuchen, durch welche Art der Erzählungskunst diese Wirkung erreicht wurde. Es genügt nicht, wenn man sagt, das sei durch die Zeichnung des Wunsch- bildes der ritterlichen Kultur geschehen. Ebenso wichtig ist die Frage, wie dieses Wunschbild in der Erzählung ausgewertet ist. Zu ihrer Lösung soll die folgende Arbeit einen Beitrag bringen.

Derartige Untersuchungen drängen sich jetzt auf, gerade wenn wir einen Meister der Generation ehren wollen, die uns voraus- gegangen ist. Wir zeigen unsere Bewunderung, wenn wir auf dem. von diesen Gelehrten gelegten Grund weiterzubauen versuchen. Erst war es nötig, die Texte sicherzustellen und die Einzelkunst- werke von aulsen zu stützen: durch Datierung, Erschlielsung von Lebensumständen des Dichters, von Quellen, von literarischen und kulturellen Parallelen. Jetzt drängt sich der Teil der Interpretations- aufgabe in den Vordergrund, bei dem die altfranzösischen Epen von innen heraus erforscht werden, als Kulturausdruck und als dichterische Leistung. Das bedeutet nur eine leichte Schwerpunkts- verschiebung bei der Erklärung. Exakte philologische Arbeit ist hierbei nicht weniger notwendig als früher. Nur versucht man sie noch mehr als bisher auf die Unterscheidung von Inhalt und Stoff, von Kulturausdruck und Kulturerscheinung, von stilistisch- ästhetischer Erkenntnis und Werturteil auszudehnen. Einzelunter- suchungen in dieser Richtung widersprechen dem erstrebenswerten Ziel der Gesamterkenntnis nicht, auch wenn sie einseitig sind; es kommt nur darauf an, dals man von dieser einen Seite aus etwas Wesentliches sehen kann.

Cliges zerfällt in zwei Teile; im ersten handelt es sich um die Brautfahrt von Cliges’ Vater Alexander, im zweiten um die Liebe des Cliges zur Frau seines Oheims. Er genielst ihre Liebe, ohne die gesellschaftliche Konvention allzusehr zu verletzen und gewinnt sie schliefslich zur Frau, nachdem durch List die Voll- ziehung der Ehe mit dem ersten Mann umgangen ist. Diese Handlung ist aber nicht der wesentliche Inhalt des Romans; sie ist nur scheinbar sein Gerüst; die Handlungskurve wird überdeckt

62 ARTHUR FRANZ,

durch die Wirkungskurve; der Inhalt gruppiert sich um Wirkurgs- höhepunkte und ist nur notdürftig auf den epischen Faden auf- gereiht. Als wirkungsvoll aber ist der Teil des epischen Geschehens herausgearbeitet, der vor teilnehmenden Zuschauern sich abspielt, oder für die das Interesse des Lesepublikums anzunehmen ist, weil das Idealbild seiner gesellschaftlichen Konventionen darin ab- gespiegelt erscheint. Diesen Teil des epischen Inhalts kann man als reflektierte Handlung bezeichnen.

Der Dichter tritt öfters aus seiner epischen Objektivität heraus und spricht zu seinem Publikum von seinem Metier; dann nämlich, wenn er andeuten will, dafs die Ausführung der Erzählung an sich die Hörer wahrscheinlich langweilen würde:

2358 Por tant qu’as plusors despleüst Ne vuel parole user ne Perdre, QOu’a miauz dire me vuel aerdre.

Gegenüber den Täuschungsmanövern mit dem Trank, der Alis impotent machen soll, wird das äufsere Geschehen bei Hochzeit und Ehe ganz kurz abgemacht; mehr ist nicht nötig, sagt der Dichter dreimal (V. 3241. 3246. 3263). Eine Geschichte, die die Hörer schon wissen, braucht nicht noch einmal erzählt zu werden (5536—40; vgl. auch 2855 etc), V.4036 sagt der Dichter, dals er seine Geschichte durch die Aufzählung der einzelnen Teil- nehmer am Turnier nicht in die Länge ziehen wolle. Indirekt deutet er damit den Gegensatz seiner Darstellungsart zu der ver- alteten der chansons de gesie an. Aber dann, wenn diese Personen interessant werden, werden sie zum Teil doch genannt und auf- gezählt. Ebenso werden Alexanders Gefährten, als sie sich vor Artus zum Ritterschlag präsentieren, nicht einzeln genannt und alle Einzelheiten dieses Vorgangs bewulst weggelassen:

1209 Chevalier sont, a tant m’an tes.

Denn es handelt sich in diesem Augenblick nur um den Gesamt- eindruck, den das glänzende Gefolge des Königssohrs auf die Umgebung macht. Aber später, V. 1280, als die jungen Ritter ihre erste Tat tun sollen, und das Licht der Aufmerksamkeit auf sie gefallen ist, werden sie von Alexander alle ı2 namentlich auf- gerufen. Das sind direkte Hinweise des Dichters auf seine Ab- weichungen von der rein epischen Kompositionsart.

In zweiter Linie gibt uns die Einteilung des Romans in 96 Abschnitte einen objektiven Anhalt für die Wertung der Wirkungs- szenen gegenüber dem einfachen Handlungsverlauf. Die Abschnitte sind ungleich lang; der kürzeste umfalst acht Zeilen (V. 2193 ff.), der längste 292 Zeilen (V. 4283). Es ist nicht anzunehmen, dafs die Einschnitte von den Schreibern herrühren.

Fast ein Drittel der Einschnitte stehen nicht an der Stelle, an der man sie nach dem epischen Inhaltsverlauf erwarten sollte. Sie markieren nicht die Handlungstäler, sondern die Wirkungs-

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 63

höhen. Der neue bildhafte oder dramatische Effekt, der die Augen der Zuschauer in der Handlung auf sich zieht, ist durch eine Erwartungspause vorbereitet. Er wird liebevoll angeschaut und ausgeführt; das weitere, interesselosere epische Geschehen wird ihm sorglos angehängt. Der Schluls von dieser Einteilungsweise auf die treibenden Kräfte der Dichtung liegt nahe. Die folgenden Beispiele sollen zur Erläuterung dieser Beobachtung dienen.

V. 422 ist ein Sinnesabschnitt: König Artur breitet mit seinem Gefolge den Zug nach der Bretagne vor. Der neue Abschnitt beginnt aber erst V. 441, wo Alexander das Privatboot des Königs besteigt und in die Intimität seiner Familie aufgenommen wird. Nicht die Ankunft und die neuen Taten des Königs (V. 566; vgl. V. 570!) markieren den nächsten Abschnitt, sondern die Analyse von Alexanders Liebesgefühlen, um die es schon bei der Überfahrt geht (V. 575). V.ı210 ist die Szene vom günstigen Eindruck, den Alexander und seine Gefährten machen, zu Ende; es beginnt der Kriegszug gegen den ungetreuen Verwalter; aber dieser neue Vorgang ist ohne Abschnitt angehängt, und erst, als das lagernde Heer ein schönes Bild bietet, wird wieder abgeteilt (V. 1261 fl). Vor Vers 1648 ist zwischen dem beginnenden Liebesgeständnis und den Vorgängen im belagerten Schlo[s ein ganz scharfer Einschnitt, aber diese epische Szene ist nicht abgetrennt. Der neue Teil beginnt erst V. ı713 mit der neuen Wirkungsszene: die Belagerten werden beim Ausfall überrascht, während der Mond sie bescheint und die Wachen sie bemerken. Der Abschnitt vor V. 2057 zerschneidet das Abenteuer des verkleideten Alexander in der Burg; die Schlufswirkung des Kampfes beginnt den neuen Teil: Nachdem der Graf gefällt ist, ist der Widerstand der anderen zu Ende, sie können in Schande abgeführt werden. Das epische Tal liegt erst hinter dieser Szene, V. 2067: die Leute draufsen haben eine ganz andere Vorstellung von dem Geschick Alexanders; sie betrauern seinen Tod. Aber für den Dichter gilt dieses Tal nicht als Ab- schnitt: der tatsächliche Erfolg (schimpfliches Abführen der Gegner) und der erwartete Milserfolg (betrauerter Tod) gehören ihm als Wirkungsgegensatz nebeneinander. Der Endeffekt dieser Ruhmestat Alexanders ist seine Rückkehr zum Heer. Vor diesen Schlufseflekt ist ein doppelter Einschnitt gelegt: V. 2193: die Trauer des Hceres ist eine Täuschung; V. 2201: Alexander reitet aus der besiegten Burg nun wirklich dem König entgegen.

Am Ende des ersten Teils zeigt sich nochmals deutlich der Gegensatz zwischen stofflicher und effektischer Einteilung. Kein Abschnitt findet sich V. 2350 zwischen der rituellen Liebeserklärung und der Hochzeitsfeier, kein Abschnitt V. 2374 zwischen der Be- lohnung des Alexander und der Schwangerschaft der Soredamors mit der Geburt des Sohnes Cliges; wohl aber erscheint ein Ab- schnitt dazwischen (V. 2361) vor der Zusammenfassung des Erfolgs, den der ideale Held davongetragen hat. Vgl. noch V. 1359; 1419;

1491 (nicht 1483); 1859.

64 ARTHUR FRANZ,

Im Hauptteil herrschen die gleichen Einteilungsverhältnisse. Hier greife ich nur wenige Stellen heraus. Bis V. 2707 ist das Publikum beschrieben, vor dem die Kaiser sich begrüfsen und vor dem die Kaisertochter erscheinen wird. An dieser Stelle ireien sie wirkungsvoll auf, also ein Abschnitt. Mit dem Elanzenden Gesellschaftserfolg des Cliges neben Fenice

2796 De ui esgarder sS’angoissent 2799 A merveille l’esgardent tuil

beginnt ein längerer Abschnitt, der im Anschlufs an den Liebes- blick zwischen den beiden die modischen Geistreichigkeiten über das zweigeteilte Herz bringt, und an diese Ausführungen ist nach V. 2856 ohne Abschnitt ein epischer Anhang angeschlossen über den Sachsenherzog, der Ansprüche macht. Die Kompositionsfuge ist freilich deutlich angedeutet. Aber der neue Teil beginnt erst mit Vers 2871, vor der Szene, wo der Bote des Sachsenherzogs seine Botschaft höfisch ausrichtet (vgl. V. 3963) und man diese Botschaft in typischer Weise aufnimmt. Der interessanten Braut- nacht folgt ohne Abschnitt bei V. 35372 die Bedrohung durch den Sachsenherzog und der gemeinsame Abzug der Kaiser; die Teilung ist erst dort, wo das Heer ein reflektiertes (V. 3402) Bild bietet (V. 3395). Auf das Zwiegespräch Fenice-Thessala über die Symptome der Liebe folgt, ohne Einschnitt bei V. 3196, der Plan der Thessala, der stoffllich das Folgende bestimmt. Der letzte Abschnitt der Turnierepisode bei Artus beginnt mit V. 5041 in dem Augenblick, als die Sonne des Ruhms am hellsten über Cliges strahlt: er darf dem König seine Abenteuer erzählen, und er erntet die offiziellen Glückwünsche. Anschliefsend hieran wird die Sehn- sucht des jungen Helden nach Fenice und seine Rückkehr zu ihr erzählt (V. 5070— 5114); aber diese entscheidende Wendung ist nicht durch einen Abschnitt angedeutet; diese unreflektierten Er- eignisse bilden, wie so oft, einen nebensächlichen epischen Anhang; der neue Einschnitt ist erst vor dem Empfangsbild bei der Ankunft des Helden in Konstantinopel markiert (V. 5115): alle kommen ihm entgegen, vor allen begrülsen ihn Kaiser und Kaiserin:

5118 Zuit li Dlus riche et li plus noble Li vienent au port a l’ancontre. Et quant l’anßerere l’ancontre, Qui devant tos i fu alez, Et Danpererris lez a les, Devant tos le cort acoler etc.

Solche Einschnitte im Augenblick der höfischen Resonnanz, statt an der Stelle der epischen Handlungsgliederung, finden sich noch häufig. Ich führe nur die wichtigeren Stellen an, ohne sie einzeln zu interpretieren. Zwischen 2555 und 2619 bildet V. 2595 keinen Abschnitt; ebensowenig dann V. 2635. 3011 (nicht 3002); 3395; 3424/ 3571; 4139 (nicht 4120); nicht 4193 und 4213, statt dessen

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 65

4237; 5663 (nicht 5655); 5905 (nicht 5885); 5989; 6033; 6425 und 6503 (nichts dazwischen).

Schon aus diesen Beobachtungen über die Einteilung des Romans ergibt sich, dafs darin zwei Arten epischer Handlung eine Rolle spielen: die einfache und die reflektierte Handlung. Reflektiert sind solche Ereignisse, die ihren Akzent dadurch erhalten, dafs sie sich vor dem Hintergrund von interessierten Beobachtern abspielen, oder dem Urteil eines gesellschaftlichen Übereinkommens unterliegen; sie werden von diesem Hintergrund zurückgespiegelt und wirken deshalb weniger als Handlung, als vielmehr als Pose, als Haltung, als Effekt. Solche akzentuierte Handlungen also stehen in den Abschnitten häufig vor, die anderen, die einfach der Fortsetzung der Fabel dienen, nach. Die folgenden Ausführungen sollen zeigen, dals wir es bei dieser höfischen Resonnanz mit einem künstlerischen Zentralproblem dieses höfischen Epos zu tun haben.

Ich betrachte zuerst die Hauptfabel des Ciiges unter dem Gesichtspunkte der höfischen Resonnanz. Es ist die Geschichte vom getäuschten Ehemann. Alis hat gegen sein Versprechen eine junge Frau genommen, Fenice Diese liebt den Cliges, den eigentlich thronberechtigten Neffen ihres Gatten. Aber sie will nicht beiden angehören. Es mufs ein Mittel gefunden werden, dafs der Gatte sie in Ruhe läfst. Dafür gibt sie zwei Gründe an, einen gesellschaftlichen und einen epischen. Erstens mufs die üble Nachrede vermieden (V. 3145 ff.), zweitens muls dem Cliges der Thron erhalten werden (V. 3173fl.). Nur der erste Grund hat Zugkraft; die zweite Begründung wird erst bei der eiligen Lösung der Fabel wieder hervorgeholt (V. 6572 ff. und 6677ff.), wo dem . getäuschten Ehemann die Schuld zugeschoben wird. Bis dahin ist der Gedanke an die gesellschaftliche Nachrede für Fenice mafs- gebend. Mehr aus gesellschaftlichen Vernunftbedenken (V. 3157) als wegen moralischer Skrupel ist ihr die Promiskuität zuwider, die den Tristanstoff unhöfisch macht:

3145 Miaus voldroie estre desmanbree Que de nos deus fust remanbree L’amors d’Iseut et de Tristan, Don tantes folies dit l’an,

Que honte m’est a raconter ...

Isolde liebte zwei und zerstörte ihr Leben:

3157 Ceste amors ne fut pas resnable ... 3163 OQuia de cuer, si et le cors....

Der Trank, der Alis impotent macht, und die List der Fenice, sich tot zu stellen, werden von ihr und vom Dichter dem Gesichts- punkt des gesellschaftlichen Echos untergeordnet. Gleich nachdem die beiden Liebenden sich endlich ausgesprochen haben, sagt Fenice sehr deutlich zu Cliges, dals sie nicht fleischlich die Frau des Kaisers

Zeüschr. f. rom. Phil. XLVLI. 5

66 ARTHUR FRANZ,

ist; nur weils das (leider) der Hof nicht, und auch der Kaiser weils es (glücklicherweise) nicht; also gebe ich, fährt sie fort, wenn ich mich Dir hingebe, kein schlechtes Beispiel:

6251 Ne ja nus par mon essanpleire N’aprandra vilenie a feire.

Allerdings der Kaiser darf sie nicht wiederfinden:

5269 Si que ja mes me retruisse, Ne vos ne moi blasmer ne puisse Ne ja ne s’an sache a quoi Drandre.

Nach der Bretagne will sie nicht gehen, denn das würde üble Nachrede wie bei Tristan und Isolde bringen:

5315 Ztciet la, totes et tuit Blasmeroient nostre deduit. Nus ne crerroit ne devroit croire La chose si come ele est voire.

In dem Sinne der gesellschaftlichen Unanstöfsigkeit deutet sie auch das Pauluszitat (nach ı.Kor.7) um, wer nicht keusch bleiben wolle, solle vorsichtig sein:

5328 Ss sagemant, que ıl n’an praingne Ne cri ne blasme ne redroche.

Deshalb kommt es ihr vor allem auf die geschickte Inszenierung ihrer List an:

5361 Zt se la chose est par san feite, Ja ne sera an mal retreite, ne nus n’an porra ja mesdire ... etc.

Aus diesen Stellen ergibt sich, eine wie grolse Rolle die Nach- rede in der Begründung der Hauptfabel spielt. Es kommt darauf an, was die Beobachtenden sagen. Mit Sittlichkeit hat das wenig zu tun. Nie ist im Cliges von Moral, nur von Korrektheit die Rede. Der Dichter und sein Publikum wissen das sehr wohl. Chrestien hat in seiner dichterischen Umarbeitung der Fabel (vgl. Foerster Textausgabe?, S. XIX) die Täuschung des Ehemanns zwar gesell- schaftsfähig gemacht, aber sie doch als Erzählungsmotiv gelassen. Or est l’anperere gabes heilst es V. 3329, womit vergnügt das Gesamturteil über die Szene ausgesprochen wird, in der dem Kaiser geschickt der Trank beigebracht wird, der ihn zum Vollzug der Ehe ungeeignet macht. Am Schlufs des C/iges wird der Inhalt der Geschichte von Fenice richtig als Betrug bezeichnet. Weil man davon erzählt, wie Fenice ihren Mann hintergangen hat, lassen die ‚späteren Kaiser ihre Frauen einsperren; denn sie fürchten auch ihre Untreue.

6769 Comant Fenice Alis deut Primes par la poison qu'il but Et fuis par l’autre traison.

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 67

Von diesem Gesichtspunkte aus mufls man die Gesamtfabel beurteilen. Damit rückt die bekannte These Foersters, Üliges sei ein Antitristan, in ein etwas anderes Licht. Der Hauptsatz seiner Beweisführung lautet: „Dieser Hauptunterschied (im Tristan sündige, im C/iges eheliche Liebe) beherrscht die beiden Gedichte“. Die Foerstersche These mufs abgeschwächt werden. Cliges ist kein Tendenzroman. Wenn er aber eine Tendenz hätte, wäre es nicht eine moralische, sondern eine gesellschaftliche Tendenz. Der Dichter macht uns das bewundernswerte Kunststück vor, eine moralische und an sich langweilige Geschichte, die von Alexander und Soredamors und eine än sich unmoralische, aber amüsante Ge- schichte die von Cliges und Fenice zu gleichartigen poetischen Kunstwerken zu gestalten, indem er sie beide auf denselben gesell- schaftlichen Hintergrund projiziert. Aus der Konvention, in die er sie einordnet, gewinnt er ihnen einen neuen eigenartigen Reiz ab.

Die Erzählungselemente, in denen Tristan und Cliges überein- stimmen, sind zwar auffällig genug. Aber, was übereinstimmt, sind nur Stücke, die der einfachen Fabel angehören. Diese sind für den Cl/iges nicht so wesentlich, dafs sie seinen Charakter entscheidend bestimmen könnten. Der Gegensatz der zwei Epen besteht nicht in der Gegenüberstellung von Sünde und Moral, sondern darin, dafs Tristans Leidenschaft sich über die gesellschaftliche Konvention hinwegsetzt, Cliges Geschichte aber zeigt, wie man diese erfüllt, sie ausnutzt, sie lebt, sie lehrt. Im Zrissan ist die Leidenschaft, im Cliges die richtige Pose literarisch ausgewertet.

Der Ausdruck Pose enthält keinen Tadel. Er bedeutet nur, dafs die Spieler in vielen Szenen des Üliges vor anderen und für die Beurteilung durch andere agieren, und dafs der Dichter immer an dieses Verhältnis von Handelnden und Beobachtenden denkt. Diese Darstellungsart ist nicht nur ein äufserliches Kunstmittel, durch das der Dichter seine Fabel schmückt, sondern sie bestimmt den Inhalt des Cliges wesentlich. Durch sie wird der Stoff in den Dienst einer bewufsten, begrenzten und eifrig ausgebauten gesellschaftlichen Lebenskunst gestellt. Die romanische Pose ist nicht leer. Sie reizt den Einzelnen, seine edlen Eigenschaften, die Resonnanz hervor- rufen, in der Aktion zu steigern; sie ermöglicht aber auch dem Dichter, diese hochgesteigerten Individualleistungen in ein System edler Geselligkeit einzuordnen und die Resonnanzkräfte, mögen sie wirklich oder gedacht sein, künstlerisch wirken zu lassen.

Bei den Beispielen beginne ich mit solchen Stellen aus dem Chiges, in denen die Szene zweigeteilt ist: wir sehen die Aktion und zugleich den Hintergrund, vor dem sie sich abspielt. Es sind beobachtete Handlungen.

Alexander fährt zu Artus ab. Das geschieht vor Zuschauern. Kaiser und Kaiserin begleiten ihn (V. 240); die Seeleute sind schon in den Schiffen und bilden den Hintergrund (243); die Begleiter mit dem vorgeschriebenen fröhlichen Eifer geben die Stimmung an (230, 253); die Zurückbleibenden winken beim Einschiffen; sie

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68 ARTHUR FRANZ,

steigen auf eine Höhe, um die Abfahrenden länger sehen zu können. Damit ist die Handlung auf die Zuschauer übergegangen, denn die Überfahrt selbst spielt keine Rolle mehr. Das ist eine reflektierte Handlung. Bei der Einschiffung von Artus Heer zum Kriegszug zeigt sich ein anders zweigeteiltes Bild (V. ı0g6fl.). Das lagernde Heer bildet den Hintergrund für Cliges und seiner Genossen Ehrung, die den Ritterschlag empfangen sollen. Die Szene selbst spielt sich vor Arturs Zelt ab, und bietet ein schönes höfisches Schauspiel (V. ııg6fl.).. V.ı1261 stellt das farbenbunte Heer zugleich die Zuschauer und den Hintergrund für das Kriegsspiel mit den Be- lagerten (vgl. V. 3401f£). Diese kommen ungewaffnet aus ihrer Burg heraus: 1272 A gaus defors sanblant mostrerent Que gueires ne los redotoient ...

Auf diese Pose der Sorglosigkeit wird reagiert. Die ersten ge- fangenen Feinde werden geschleift, und zwar vor den Augen der Belagerten (V. 1446 ff.).

Ehe Fenice erscheint, ist das Publikum da, auf das sie Ein- druck macht (2707 ff.), ist sie doch von Gott ausdrücklich wegen dieses Eindrucks geschaffen worden:

2718 Con Deus meismes l’avoit feite, Cui mout i plot a travaillier Por feire jant esmerveillier.

So wirkt denn auch ihre Erscheinung sehr, wie sie barhäuptig und eilig daherkommt; ihre Schönheit leuchtet mit der des Cliges um die Wette; die folgende hyperbolische Schönheitsbeschreibung ist durch die Resonnanz richtig vorbereitet. V. 4622ff. hat Cliges drei Rüstungen holen lassen und sie verborgen. Wie sie aussehen, will der Dichter erst beim Auftreten des Cliges erzählen, wenn dieser seinen Effekt vor den berühmtesten Rittern der Erde an- bringen kann. Vom Gesichtspunkt des überraschenden Erfolges vor ausgesuchtestem Publikum müssen die drei Ruhmturniere be- trachtet werden. Das ist ihr Inhalt; die Fabel selbst ist sehr dünn. Zuerst tritt Sagremors auf: seul entre deux rangs (V. 4642); die Zuschauer reden über ihn; niemand wagt sich vor. Auf diesen Eindruck, den Sagremors macht (4662), reagiert Cliges und sprengt als überraschende schwarze Erscheinung vor. Er hat sofort Erfolg:

4668 Ne n’i a un seul qui le voie, Que ne die li uns a l’autre:

nCist s’an va bien lance sor fautre, .. ,*

Alles sieht nach ihm, spricht von ihm, wettet auf ihn; sowohl die Barone wie das Volk. Die Selbstverständlichkeit, mit der Cliges seine Gegner, selbst die weltberühmten Helden, wie Perceval, nieder- schlägt und sich fiance geloben läfst, zeigt, wie wenig Wert der Dichter auf die Kampfhandlungen, soweit sie von der Resonnanz unabhängig sind, legt.

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 69

4846 Veant tos gaus qui les gardoient A Cliges feru Perceval Ss quil l’abat jus del cheval....

Die Kampfreihe endet mit einem unentschiedenen Streit mit Gauvain. Das Publikum empfängt diesen mit einem Gemurmel, das Cliges’ Tat in das rechte Licht setzt:

45235 vera C’est Gauvains Qui n’est a pie n’a cheval vains. C’est cil a cui nus ne se prant.“

Diese Anerkennung reizt den Cliges. Der folgende Zweikampf ist durchaus als Schaustück gegeben. Die Zuschauer strömen herzu und bilden einen Kreis (4942); sie wissen nicht, wer siegen wird. Auch der König sieht, ehe er zum Schlichten eingreift, dem Schau- spiel erst noch eine Weile zu. Als Held ist Cliges ausschliefslich in dieser Spiegelung lebendig; der Anreiz der Resonnanz erhebt ihn über sich selbst.

Man könnte meinen, dieser Reflex der Taten sei nur in der Turnierepisode so wirksam, weil diese keinen anderen Zweck hat, als den, Cliges Ruhm zu zeigen. Aber der Sachsenkrieg, der im Epos nicht nur formale Bedeutung hat, zeigt die gleiche Erscheinung, und ebenso ausgeprägt. Zuerst wird der junge Abgesandte des Sachsenherzogs von Cliges zu einem Buhurt herausgefordert. Dieser wird als Schauspiel erzählt; die 300 Gefährten auf jeder Seite bilden den Chor. Alle am Hof suchen sich gute Plätze zum Zusehen (2887 ff.) ; auch Fenice sieht den Heldentaten zu:

2912 A Lliges esgarder esirive, Sel siut as iauz, quel part qu'il aille.

Damit ist der allgemeine Hintergrund für den Ruhm gegeben, und ebenso ist der Kontakt für die liebende Anerkennung hergestellt. Nicht die Sache, um die gestritten wird, ist der Inhalt des Kampfes, sondern die Wirkung auf Fenice. Sie soll sein Lob hören und seinen Ruhm sehen. Deshalb strengt er sich an.

2914 Et cal por li se retravailie De behorder apertemant Por ce qu'ele oie solemant Que il est preus et bien adroiz ...

Was die beiden sonst noch geheim halten müssen, darf auf diese Weise zu erkennen gegeben werden: er darf ihr zuliebe kämpfen, sie darf von seinem Lob sprechen. Die Gegner werden natürlich besiegt; das steht fest und löst keine Spannung aus; auch bei der Niederlage kommt es nur auf die Resonnanz an: das Prestige der Sachsen ist herabgesetzt (2939 ff.); sie erleiden den Schimpf, ins Wasser gejagt zu werden.

Aus den späteren Stadien des Sachsenkrieges ist die Gefangen- schaft der Fenice hervorzuheben. Cliges befreit sie, und er ist

70 ARTHUR FRANZ,

beglückt, vor ihr seine Heldentaten zu tun; genau wie oben ist das eine Form der Liebeserklärung:

3757 Quant il puet feire apertemant Chevalerie et hardemant Devant celi qui le fait vivre.

Ihr zuliebe geht er auf einen Sachsen los und spaltet ihm den Schädel (3780). Die Wirkung auf Fenice bleibt nicht aus; der Umstand, dafs sie ihn nicht erkennt, läfst eine geistreiche Doppel- heit dieser Wirkung entstehen: sie möchte, dafs er es sei, und möchte es doch nicht.

Wir haben es mit mehr zu tun, als mit einer Teilnahme der Zuschauer an der Peripethie; es ist eine Doppelhandlung; eine äufsere, in der die Leistung durch die Resonanz verstärkt wird, und eine innere, die in den Beobachtern vor sich geht. Die Wirkung ist poetisch besser ausgewertet als die Tat. Der Kampf entspricht in der Regel einem selbsiverständlich gewordenen Schema. Dieses ist an sich nicht mehr spannend; die Spannung wird uns durch die reflektierte Handlung vermittelt.

Aus dem unentschiedenen Entscheidungskampf zwischen Cliges und dem Sachsenherzog, der ähnliche Züge aufweist wie der schon behandelte Kampf mit Gauvain, sind folgende Punkte hervorzuheben: Cliges hat sich diesen Kampf als höfischen Lohn ausgebeten (3975); bei der Gewährung hat der Kaiser vor Mitleid geweint, Cliges vor Freude. Fenice lälst sich hinführen; vor ihren Augen kämpft er; das ist das Wichtigste an der Geschichte; sie wird sterben, wenn er stirbt. Aber auch alle anderen sind beteiligt, etwa wie ein sportbegeistertes Publikum.

4059 Quant el chanp furent tuit venu, Haut et bas, juevrd et chenu ...

Dieses Publikum ist für den Dichter nötig. Er braucht es, um ihm die Verantwortung für die epischen Übertreibungen abzunehmen, die er als Rationalist nicht mehr gern tragen möchte:

4073 Zt sunble a gaus qui les esgurdent, que li hiaume espraingnent et ardent.

Das Kaiserpaar steht vorn; es fühlt am meisten mit. Als Cliges strauchelt, ist es dem Kaiser, als wäre er an seiner Stelle, unter seinem Schild: die Kaiserin schreit vor Teilnahme. Diese Resonnanz aus dem Munde der Geliebten gibt ihm Kraft. Das dichterische Spiel ist auf die Zuschauer übergegangen. Fenices Schrei hat auch beim Publikum Resonnanz. Kann er der Schicklichkeit unter- geordnet werden ? Schadet er ihrem Ansehen? Nein, denn man nimmt ihn für den Ausdruck rein menschlicher Teilnahme, wie alle sie fühlen: 4114 ÖOnques nul hon ne l’an blasma, Eingois Van ont loee tust,

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 7!

Ihr guter Ruf ist das Pendant zu seinem Ruhm; die beiden Hand- lungen stehen auf der gleichen Projektionsebene.

Cliges Kampf mit dem Sachsenherzog endet mit einem Vergleich. Auch dieser wird vor Beobachtern abgeschlossen. Öffentlich mufs der starke Herzog anerkennen, dafs er dem jungen Cliges nicht aus Edelmut nachgibt, sondern weil er ihn nicht überwinden kann:

4174 „Oiant tos le dirois an haut.

4178 Otant trestos ces qui sont ci Le vos covandra recorder, S’a moi vos volez acorder.“ Li dus oian& toz le recorde.

Der Inhalt des Abkommens ist gleichgültig, die Wirkung ist da: Cliges hat den Ruhm, die Griechen die Freude und die Sachsen den Ärger davon. Nicht das ist ihnen schmerzlich, dafs der alte Herzog einen ebenbürtigen Gegner gefunden hat, sondern dafs alle es gesehen haben und nun davon reden. Diese Resonnanz tönt noch nach, während die Handlung fortschreitet und die Heere wieder auseinander gehen, jedes in sein Land (4194 fl.).

Durch das Mittel der Beobachtung wird die Handlung in ihrem Gange öfters umgelenkt. Als Alexander von seinem ersten sieg- reichen Abenteuer zurückkommt (V. 1350fl.: sa premiere chevalerie), stellt er die mitgebrachten Gefangenen der Königin zur Verfügung. Daraus entstehen Schwierigkeiten; die Königin mu[s mit dem König in dessen Zelt verhandeln. Vor dem Zelt beginnt eine stumme Szene zwischen Alexander und Soredamors. Er macht vor ihr die Nachdenklichkeitsgeste und schweigt:

1376 Soredamors garde s’an prist, Qui pres de lui se fu assise. Asa meissele a sa maın mise E sanble que mout soit pansıs.

Diese seine absichtliche Unbewegtheit gibt ihr Veranlassung, ihn noch genauer als sonst anzusehen; so bemerkt sie, dals er das Hemd trägt, in das ihr Haar eingenäht ist (vgl. V. ı160fl., 1174 fl, 1605 ff). Auf diese Weise wird die Heldenhandlung mit der Liebes- geschichte verknüpft; sie werden beide auf die gleiche Beobachtungs- fläche projiziert, auf der sie sich nebeneinander vertragen.

V. ı580 wird ein fortgeschrittener Zustand der gleichen Liebe behandelt. Alexander sitzt neben Sordamors; sie wagen sich kaum anzusehen; nur durch Blässe usw. ist der Grad ihrer Liebe erkennbar. Diese Zeichen werden von der dabeisitzenden Königin beobachtet, doch läfst sie sich nichts merken. Auf die Beobachterin geht nun von selbst die Handlung über; sie nimmt die Lösung in die Hand (V. 1604 fl.).

Auch sonst ist die Beobachtung als Mittel für den Handlungs- umsprung beliebt. Als z. B. Fenice von den Ärzten zur Prüfung, ob sie wirklich tot ist, gemartert und gar gebraten wird, sehen die

72 ARTHUR FRANZ,

1000 Damen des Hofes durch ein kleines Loch in der Tür zu. Diese unerwartete Beobachtung vermittelt die plötzliche Lösung im letzten Augenblick durch den Einbruch der Zuschauerinnen in das Zimmer (V. 6026ff.). Ähnlich ist es bei der Entdeckung des verborgenen Liebespaares. Bertrand, der über die Gartenmauer gestiegen ist, sieht sie zufällig in nackter Umarmung im Garten: 6450 Soz Pante vit dormir a masse Fenice et Cliges nu a nu.

Der Konnex wird sofort doppelt hergestellt: Bertrand drückt seine Verwunderung in direkter Rede aus; Fenice fühlt sich gesehen dafs sie aufwacht, weil eine herabfallende Birne sie im Schlaf stört, ist eine von Chrestiens rationalistischen Motivierungen und schreit: so wird die dramatische Weiterentwicklung in vielen Fällen auf die reflektierte Handlung aufgebaut. !

Die Wertmafsstäbe, die im C/iges Beurteilung und Handlung bestimmen, sind von der Resonnanz abhängig. Ehre und Schande sind mit gesellschaftllichem Erfolg und Milserfolg identisch; sie liegen nicht in einer innerlichen Überzeugung; sie existieren nicht, wenn niemand da ist, wirklich oder gedacht auf den die Taten wirken. Nur auf dem Umwege über die reflektierte Hand- lung gehen die Kulturwerte in die epische Dichtung ein. Deshalb haftet dem Kulturbild, das wir aus dem Cöiges gewinnen können, ein eigentümlich formaler Charakter an. Das Streben nach Ehre innerhalb einer begrenzten Anerkennungssphäre ist eine Tendenz, die den Zweck der einzelnen Handlungen selbst worum gekämpft wird, was in der Rede erreicht werden soll, wozu Geist und Eleganz verwendet werden in den Hintergrund drängt. Literarisch ge- sehen, entspricht dieser kulturell formalen Einstellung die episch formale Dichtart, bei der das Erzählungsziel aufserhalb der Erzählung selbst liegt: Musterbeispiele von Benehmen und Denken, die einer werdenden gesellschaftlichen Konvention entsprechen, Geistreichigkeit und Überraschung, das sind formale dichterische Ziele, in deren Dienst die epische Phantasie gestellt wird.

Ehre und Preis zu erwerben ist die Absicht aller Personen, die in den Vordergrund treten. Man erwirbt sie nicht nur durch Schönheit und Sieg, sondern auch durch Benehmen und Geist, vor allem durch die richtige Aufmachung. Die Wege dazu lassen sich zum Teil erlernen. Die Griechen waren die ersten Lehrmeister der Kunst, durch das Benehmen und durch Geist Lob zu gewinnen:

31 Que Grece ot de chevalerie le premier los et de clergie.

So sagt der Dichter am Beginn der zweiten Einleitung. Und jetzt,

fährt er fort, wohnt der Ruhm in Frankreich, Lob zu erringen und Ehre zu erlernen:

1 Die Entdeckung des schlafenden Liebespaares im Tristan zeigt diesen Konnex gerade nicht.

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 73

86 Biaus pere, por enor aprandre Et por conquerre pris et los.

Deshalb zieht Alexander von seinem Vater fort zu Artus; es ist das erste Handlungsmotiv, und es bleibt während des ganzen Epos eins der wichtigsen. Dafür tut der Vater seinem Sohn alles zuliebe. Diesem Ziel sind die Aufzüge und die Turniere, das Auftreten, die Haltung und die Listen untergeordnet. Es ist interessant zu be- obachten, wie sorglos oft die Kämpfe selbst gegeben, wie sche- matisch die abgebrauchten Mittel der chansons de geste verwendet werden, und wie alle diese Inhalte zurücktreten gegenüber der In- szenierung der Enderfolge. Als z.B. Alexander eine beliebige Menge Gegner vom Pferde gestochen und überlistet hat, kehrt er mit vier Gefangenen zurück; dann erst kommt das Ziel des ganzen Unter- nehmens: 1343 Mes Alizandres ot le pris, Qui par son cors loiies et pris Quatre chevaliers an ameine.

Man sieht, wie er mit seinen Leuten erfolgreich ankommt; wie steht er nun da!

Oder ein anderes Beispiel. Die Verteidiger von Guinesores planen einen Ausfall. Was hat dieser für einen Zweck, was soll er nützen? davon wird nicht gesprochen, sondern es heilst nur, dafs der Nachtkampf ihnen Ruhm bringen wird:

1671 Avront tel ocision feite, Que tos jors mes sera vetreite La bataille de cele nuit.

Ruhm ist die Freude der Helden, um die sie kämpfen:

4049 Qu’avoir cuide chascuns la gloire Zt la joie de la victoire.

Wir hatten gesehen, wie der Ruhm mit der Resonnanz identisch ist. Die Resonnanz ist also auch das gewöhnlichste Mlittel, ihn dar- zustellen. Wir sehen, mit den Augen der Zuschauer im Epos, wie Cliges von der Besiegung des Abgesandten der Sachsen zurück- kommt: 2956 Zt Cliges a joie vetorne, Qui de deus Pars le pris anporte.

Wir finden es natürlich, dafs in diesem Milieu der Ruhm unmittelbar in Liebe ausgewertet werden kann. Fenice gibt ihm den Lohn mit dem Blick. Mit ihren Ohren hören wir, wie die Deutschen anerkennend von ihm sprechen, wie sie stolz ist, dafs die Liebe sie nicht getäuscht hat, weil ihr Erwählter als der schönste und höfischste anerkannt wird, wie er es ja tatsächlich ist (V. 2980 fl.; vgl. den gleichen Weg von der Anerkennung zur Bestätigung durch die wirkliche Abstammung V. 323 f.).

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Einige Male ist die Resonnanz, die das affektvolle Auftreten auslöst, gerade nicht durch Reden, sondern durch Schweigen der Umgebung angedeutet. Das geschieht z. B. in dem eindrucksvollen Moment, in dem Alexander mit seinen Gefährten in glänzender und richtiger Aufmachung vor dem König aufzieht:

319 Zi li baron trestuit se teisent; Car li vaslet formant lor pleisent Por ce que biaus et janz les voient.

Das anerkennende Murmeln über Cliges hört V. 5023 im Augen- blick der gröfsten Ehrung auf:

5024 Mes la parole leissent tuil De lui loer et losangier.

Vor dieser schweigenden Versammlung nimmt Artus die rituelle Ehrung vor, ihn persönlich zum Essen zu führen, wo Cliges das Rätsel der verschiedenen Rüstungen lösen und seinen Namen nennen soll (vgl. auch den Namen als lösenden Endeffekt V. 3815). Mit dem Namen fällt der volle Glanz seiner Herkunft auf ihn. Die Spannung ist gelöst: Alles gratuliert, und alles redet wieder von ihm: 5060 Zi tuit cil qui de lui parloient Dient que mout est biaus et preus.

Die Schande, das Gegenbild des Ruhms, wird ebenfalls fast nur in der Resonnanz gesehen und wiedergegeben, wie oben am Bei- spiel der Begründung von Fenices sittlichem Verhalten und anderen Beispielen gezeigt ist.

Bei dieser Auffassung von Ruhm und Schande und bei dieser Wichtigkeit des Eindrucks, den die auftretenden Personen machen, und der Resonanz, die sie auslösen, ist es begreiflich, dals auf diejenigen Faktoren das grölste Gewicht gelegt wird, durch welche Eindruck und Resonnanz bestimmt werden. Ein solcher Faktor ist die Haltung. Haltung zeigen alle Hauptpersonen. Sie legen ihren Instinkten Zügel an, und sie tun es, einmal, weil dadurch ihre Erscheinung dem Zeitideal genähert wird, das die Erfüllung gewisser gesellschaftlicher Konventionen in sich schliefst, und zweitens, weil dadurch die Wirkung ihres Auftretens und Handelns erhöht wird. Den Literarhistoriker interessiert weniger die Beantwortung der Frage, welche Haltungssitten zur Zeit Chrestiens als wesentlich angesehen wurden, als die der damit nicht identischen Frage, welche Rolle sie im Kunstwerk spielen. Ich beginne mit der Behandlung der Haltung in der Liebe. Der Gegensatz zwischen Gefühl und Haltung ist gerade auf diesem Gebiet eine der dankbarsten Vor- lagen für den Dichter.

Hierfür eignet sich die Liebesgeschichte zwischen Alexander und Soredamors besonders gut als Beispiel. Denn ihr einziger Inhalt ist die vorschriftsmälsige Haltung der Liebenden, sonst ist

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 75

nichts an ihr fesselad, denn der äufsere Gang der Geschichte ist selbstverständlich. Mann und Frau haben sich, besonders im Hin- blick auf das Renommee, diskret zurückzuhalten; das ist die Voraus- setzung für den Erfolg in der Liebe, erschwert aber andrerseits den Erfolg.

Dem Dichter scheint die Zeichnung der Grenze, auf der unter- drückte Gefühlsäufserungen noch bemerkt werden können, besonders lohnend. Ein gröfserer Teil der sogenannten psychologischen Über- legungen der Soredamors über die Liebe hat diesen Grund und entzüäckte dadurch das Publikum. Wie weit mufs sie sich zurück- halten ? Wie weit darf sie sich offenbaren, so dafs er das Geständnis gerade noch bemerkt, ohne dafs sie sich etwas vergibt, das heilst, ohne dafs die anderen etwas bemerken? Kann sie annehmen, dafs er in der Liebe erfahren ist, weil ein Erfahrener mehr bemerkt als ein in Liebe Unerfahrener? Die lange Überlegung der Sore- damors V. 993fl. über die Möglichkeit eines Geständnisses aus ihrem Munde z.B. ist im Grunde weiter nichts als die Diskussion einer Haltungsfrage.

998 ... Ce n’avint onqgues Que fume tel forsan feist One J’amer home requeist, Se plus d’autre ne fust desvee. Bien seroie fole provee, Se je disoie de ma boche Chose qui tornast a reproche. Quant par ma boche le savroit, Fe cuit que plus vil m’an avroit, Si me reprocheroit sovant ...

(Vgl. V. 1040 fl.)

Wenn es erlaubt wäre, würde sie die Zurückhaltung überschreiten (V. 1611 ff).

Die Zurückhaltung des Mannes ist noch stärker konventions- bedingt. Auf den bekannten wirkungsvollen Gegensatz zwischen der Kühnheit in den Heldentaten und der Schüchternheit in der Liebe (V. 1580ff.) kann ich hier nicht eingehen. Der Frau gegen- über wagt Alexander nichts das ist die gegebene Theorie, die der Dichter mit Beispielen illustriert, und zu deren gedanklicher und künstlerischer Ausgestaltung er beiträgt. Die ganze Liebes- geschichte Alexander-Soredamors ist eine Folge von Illustrationen einer Wunschtheorie; man kann sie mit einem Bild als Schmuck- stickerei auf dem Hintergrund ritterlicher Konvention bezeichnen,

Zwei Beispiele der Zurückhaltung der Liebenden möchte ich herausheben, weil in ihnen die Haltung der Soredamors nicht durch die Situation bedingt ist, und die Konvention infolgedessen als isoliertes Kunstmittel vor uns steht.

Als Soredamors im Schiff des Königs zuerst mit Alexander zusammenkommt, rächt sich Amors für ihre bisherige Unempfindlich-

76 ARTHUR FRANZ,

keit und läfst sie gleich in Liebe entbrennen. Sie möchte zu ihm binsehen: 464 A grant Painne tenir se Puet, Que vers Alixandre n’esgart ; Mes mout estuet qu’cle se gart De mon seignor Gauvain son frere.

Kein Mensch ist gegen die Liebe. Für Soredamors liegt durchaus kein Grund vor, sich vor Gauvain in acht zu nehmen, oder höchstens der Grund, dafs Gauvain die Sitten kennt, die der Frau Zurück- haltung gebieten. Das zweite Beispiel steht V. 2ııg: Man hält Alexander für tot; Soredamors wird besinnungslos und bleich. Im übrigen wagt sie ihre Gefühle nicht zu zeigen; die Umgebung könnte es bemerken und sie tadeln. So handelt sie, obwohl in Wirklichkeit die Umstehenden so mit sich selber zu tun haben, dafs sie nichts bemerken würden, auch wenn sie sich mehr gehen liefse und damit ihren Tadel verdienen würde:

23119 Zt ce la grieve mout et blesce Qu’ele n’ose de sa destresce Demostrer sanblant an apdert, An son cuer a son duel covert. Et se nus garde s’an preist,

A sa contenance veist Que grant destresce avoit el cors Au sanblant qui paroit defors.

Dieser Gegensatz zwischen unterdrückter Äufserung und Gefühl läfst sich literarisch sehr gut verwenden. Er kommt dehalb oft vor. Bei der Liebe zwischen Cliges und Fenice liegt die Sache etwas anders. Fenice ist verheiratet, also scheint hier die vor- sichtige Zurückhaltung der Liebenden durch die Handlung bedingt. Aber dieser Gesichtspunkt ist für ihre gegenseitige Reserve durch- aus nicht bestimmend. Die Zurückhaltung bei der Werbung um die verheiratete Frau wird durch genau die gleiche Konvention begründet, wie die bei der Werbung um die Braut. Bis zur Er- klärung der Liebe ist jedenfalls kein Unterschied zu bemerken zwischen den Szenen, in denen Fenice noch nicht verheiratet ist (V. 2800fl.) und denen, in denen sie verheiratete Kaiserin ist. Cliges und Fenice vermeiden denselben Tadel höfischer Indiskretion, wie Alexander und Soredamors: 2800 Mes Cliges par Amor conduit

Vers li ses iauz covertemant

Et remainne si sagemant

Que a l’aler ne au venir

Ne lan Duel an por fol tenir ...

Als Cliges die nun verheiratete Fenice von den Sachsen befreit hat und erfolggekrönt vor ihr steht, erwartet man ein Geständnis. Aber nichts geschieht:

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 77

3835 Des iaus parolent par esgart; Mes des langues sont si coart ...

Warum? Weil, wie ausdrücklich gesagt wird, die Minnelehre die hier nicht einmal ganz palst es so gebietet: Das Mädchen muls sich unschuldig, ungeschickt zeigen, der Liebende ihr gegen- über erstaunlich feige, wenn er auch für sie die gröfsten Helden- taten vollbringt:

3840 ... car simple chose Doit estre pucele et coarde.

3903 Mes seul celi quWil aimme dot Zt por li soit hardiz par tot.

Die Haltung der zwei ist also in erster Linie doktrinbestimmt. Die Szene ist komponiert, um die Lehre zu illustrieren; Cliges benimmt sich richtig: 3905 Donc ne faut ne ne mesprant mie Cliges, s’il redote sS’amie.

Nebenbei werden noch zwei andere Gründe für die Zurückhaltung angegeben, die zur Hauptlehre schlecht passen. Cliges will sich keiner Abweisung aussetzen (V. 3827), und er hätte seine Erklärung doch gewagt, wenn Fenice nicht die Frau seines Onkels gewesen wäre. Aber das sind unorganisch angehängte, in Wirklichkeit nicht durchschlagende Gründe für die Reserve.

Noch zweimal dient die Konvention als Mittel, die Erklärung hinauszuschieben: bei Cliges’ Abzug zum Artushof und bei seiner Rückkehr. Beim Abschied, V. 4290ff., wagen sich die beiden immer noch nicht anzusehen, als wenn sein Fortgehen etwas Un- rechtes wäre:

4297 Que de droit esgarder ne l’ose Aussi come d’aucune chose Zt vers li mespris et forfet, Si sanble que vergoigne an et.

Keins von beiden merkt, wie der andere heimlich seufzt und weint. Das ist alles ebenso gegebene Pose, wie das Folgende: Cliges’ Eile, seine Nachdenklichkeit.e Bei seiner Rückkehr hätte ihn Fenice gern liebend gekülst: 5131 Mes folie fust et forsans. Nicht weil sie verheiratet ist, sondern weil jede Frau sich öffentlich dem Liebhaber gegenüber so zurückhalten mufs. Es sind die gleichen Ausdrücke, die zur Begründung der Vorsicht trotz der verschiedenen Situationen an anderen Stellen verwendet werden: V.999 /orsan; V. 2804 for fol tenır. Und auch als sie sich dann ungestört sprechen können, wirkt die gleiche Reserve weiter. Die rationalen Erklärungen, die der Dichter noch hinzufügen zu müssen glaubt, sind auch hier schwach (V. 5152, wie oben V. 3827).

Sehr häufig gibt Chrestien seiner Fabel eine rationalisierende epische Motivierung. Mehrere derartige Fälle, die Einzelzüge

78 ARTHUR FRANZ,

betrafen, haben wir schon angegeben. Der Zaubertrank, der Alis impotent macht, ist die wichtigste derartige Rationalisierung; durch ihn wird ein grolser Teil der Haupthandlung motiviert. Weder Dichter noch Leser glauben recht daran, aber er stellt doch eine gewisse verstandesmälsige Achtbarkeit des Ehebruchs her. Der Gatte darf die Wirkung nicht merken, deshalb wird ihm im Traum der Liebesgenufs vorgespiegel. Es ist wahrscheinlich, dafs die Idee zu einem die Liebe beeinflussenden Trank aus Tristan stammt; aber der Charakter dieses Motivs ist ganz verändert. Im Tristan ist der Trank ein Symbol, hier im Üliges ist er eine rationale Er- findung.

Auch Fenice bekommt einen geheimnisvollen Trank von Thessala bereitet. Dieser macht sie scheintot. Auch dieser Zaubertrank trägt den Charakter einer motivierenden Erfindung. Die Täuschung wird dadurch wahrscheinlicher. Der Dichter zieht jedoch auch künstlerisch seine Folgen aus dieser Idee, und zwar im Sinne der reflektierten Handlung. Die scheintote Fenice wirkt auf Cliges. Er bejammert vor ihren hörenden Ohren ihren Tod (V. 6228 ff.). Sie möchte ihn gern trösten; die Spannung, die darin liegt, wird durch den Seufzer, den Fenice endlich ausstolsen kann, gelöst (V. 6206). Um diese schöne Wirkung zu ermöglichen (vgl. die später be- sprochenen Scheinhandlungen), ist eine zweite, äufserlich folge- richtige, innerlich aber unwahrscheinliche Motivierung nötig: Cliges darf von dem Scheintodstrank vorher nichts wissen (V. 6223).

Diese verstandesmälsige Begründung und Zusammenbindung der Handlung beweisen wohl Chrestiens grolses technisches Talent, sie sind aber nicht immer als künstlerischer Vorzug anzusehen. Sie ziehen das Geschehen aus der Sphäre der künstlerischen Not- wendigkeit in die der alltäglichen Wahrscheinlichkeit herab. Wenn man den Mafsstab äufserlicher Folgerichtigkeit an das Epos anlegt, so wird man dem Werk als Dichtung gewils nicht gerecht, wie die Anmerkungen Foersters (kleine Ausgabe? zu V. 6223 und zu den Versen 5894, 5937, 6225, 6239, 6387, 6421) zeigen. Verstandes- mälsig anstolsende Züge werden auch an anderen Stellen durch rationale Motivierung mundgerecht gemacht. Ich erinnere an Fenices Grablegung und Befreiung. Die Wachen bemerken nicht, dafs es ihr im Grab bequem gemacht wird:

6153 Ainz sont brestuit DPasmed cheü.

Sie bemerken auch nicht, dals Cliges seine Geliebte holt, denn sie haben getrunken und schlafen deshalb. Dieses Motiv wird aber auch künstlerisch ausgenutzt. Es dient dazu, die Spannung zu er- möglichen bei der Frage, wie Cliges wohl zu ihr hineingelangen wird, und diese Spannung leicht zu lösen:

6188 Cliges ne set comant ıl Past.

Ich kehre nach diesem Exkurs über die rationale Motivierung wieder zu dem Pıoblem der Haltung zurück. Aus den Beispielen

DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 79

über die Zurückhaltung der Liebenden hat sich ergeben, dafs diese nicht episch oder moralisch, sondern ästhetisch begründet ist. Der Dichter will seine Zuhörer erfreuen. Einerseits wird dadurch eine gewisse literarische Spannung erreicht, zweitens aber, was wichtiger ist, wird der Liebeskodex, der in der Gesellschaft galt, durch Bei- spiele illustriert. Die Haltung, die vorgeführt wird, ist nicht nur für die Liebenden im Epos gültig, sondern für alle Liebenden. Sie hat Eigenwert. Sein Publikum hat der Dichter dabei im Sinn; die Leser sollen anwendbare Musterbeispiele darin sehen; sie sollen sagen: so wie sie hier in der Geschichte handeln, handeln die Liebenden richtig.

Nur in einem Falle ist die Haltung der Liebenden durch den Gang des Epos bedingt: Cliges und Fenice müssen dem Entfüh- rungsplan zuliebe ihre Umgebung täuschen. Fenice jagt, bei Beginn der Krankheit, ihren Geliebten laut davon, weil sie glauben machen muls, dals seine Anwesenheit ihr unangenehm ist:

5687 er por ce guW’an cuit Que ce que li plest li enutt.

Cliges geht davon, vor anderen kräftig Trauer heuchelnd:

5694 S’an vet feisant chiere dolante; Qu’ains si dolante ne veistes. Mout pert estre par defors Lristes; Mes ses cuers est lies par dedans ...

Beim Scheinbegräbnis stimmt Cliges auffällig heuchelnd in die Trauer der anderen ein:

6140 Zt Cliges refet duel a certes, Tel qu'il s’an afole et confont Plus que Luit li autre ne font.

Aber bei genauerer Betrachtung sieht man, dafs solche Züge der Kategerie: „Haltung in Liebesfragen aus Vorsicht“ nicht unter- geordnet werden dürfen. Sie gehören vielmehr in die sehr aus- gebildete Klasse der Täuschungen und Überraschungen. Auch diese haben ihr Fundament aufserhalb der Handlung im engeren Sinne, sie gehören auch zu den reflektierten Handlungen; denn die Täuschung an sich und ihre überraschende Lösung sind es, die interessieren; sie fesseln erstens die Personen des Epos, die die Täuschungen und Überraschungen mit erleben und die ihnen zusehen; sie fesseln aber auch die Leser, wenn sie mit diesen Personen fühlen.

Bei einer dichterischen Einstellung, die mehr auf Spiel und Wirkung als auf den Stoff gerichtet ist, können Schein und Täuschung als Erzählungsmittel gute Dienste tun. Sie stellen eine willkürliche, auf den Effekt berechnete Abart der Pose dar. Während die übliche schöne Geste das äufsere Bild des Inneren zugunsten der gewollten Wirkung nur etwas korrigiert, handelt es sich jetzt darum,

80 ARTHUR FRANZ,

dafs ein falscher oder wenigstens ein irrtümlicher Eindruck hervor- gerufen wird.

Als Beispiele gebe ich zuerst zwei Fälle des Waffentausches. Alexander und seine Gefährten gelangen in die Burg der Feinde, weil sie die Waffen der erschlagenen Gegner angelegt haben (V.ı845fl.). Deshalb lassen die Wächter sie ein, deshalb werden sie im Innern nicht gehindert. Sie unterstützen die Wirkung des täuschenden Anzuges noch dadurch, dafs sie stumm bleiben und die entspre- chenden Trauergebärden machen:

1874 Tel sanblant de dolor feisant, Qu’apres aus lor lances trainent Et dessos les escus s’anclinent, Si qu'il sanble que mout se duelent ...

Gewifs ist diese List ein episches Mittel, die Handlung, nämlich die Eroberung der Burg, vorwärtszubringen, und der Dichter hat diesen Gesichtspunkt überaus geschickt ausgewertet (V. 1880 fl.) ; aber die Szene ist doch nicht auf dieses Ziel hin zugespitzt, sondern darauf, dafs das verkleidete Eindringen auf die Burgleute eine Wirkung hervorbringt. Was gibt es bei diesen für eine Über- raschung, für einen Schreck, als die scheinbaren Freunde sich plötzlich als Gegner entpuppen und losschlagen !

Der Rüstungstausch des Cliges ist eine Wiederholung des gleichen Motivs, nur ist die Reflexwirkung hier noch gesteigert. Cliges hat den Neffen des Sachsenherzogs erschlagen, der seinen Kopf zu bringen sich gerühmt hatte. Er zieht dessen Rüstung an und besteigt sein Rofs. Sein eigenes lälst er frei laufen, damit seine Genossen denken, er sei tot: er will also einen Effekt hervor- rufen:

3532 Por les Groois feire esmaiier.

Zugleich werden die Gegner raffiniert getäuscht; sie glauben, ihres Herzogs Neffe komme mit dem versprochenen Kopfe zurück. So ist eine doppelte Täuschung erreicht:

3556 D’anbes pars cuident qu’il soit mors,

Der Leser freut sich an dieser Situation, weil er weils, dals es eine doppelte Täuschung ist. Und die Lösung bringt dann eine doppelte Überraschung; eine unangenehme bei den Gegnern, eine freudige beim eigenen Heer. Auf diese Folge von Spannung und Lösung bei Zuschauern und Lesern ist es in der ganzen Szene abgesehen. So ist auch die Effektwirkung durch den Rüstungswechsel in den Turnierszenen aufgebaut.

Aus ähnlichen Gründen reizte den Dichter die Darstellung der gehemmten (z.B. V.2zııgff.) und der unnötigen (z.B. V. 5810 ff.) Gesten und die Ausführung der verborgenen und irrtümlichen Gefühle. So betet Alexander das Haar seiner Geliebten nicht wirklicb an (Foerster a.a.0O. S. XXXH), sondern er hätte es an- gebetet (V. 1196), wenn er gewulst hätte, dafs es ihr Haar ist,

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und wenn er (V. 1619) nicht durch die Anwesenheit von Zuschauern daran gehindert worden wäre. Die Handlung als Gedankenspiel entfaltet sich frei; gerade als irreale Handlung palst sie zur Men- talität der Leser. In der Wirklichkeit verhält sich Cliges dem Hemd gegenüber weniger ätherisch. Wie er das Hemd im Bett umarmt, das ist erotisch etwas schmackhaft gemacht. Denn der Dichter sagt sich mit seinem Publikum: Die Gesten macht man vor anderen; wenn man allein sich überschwenglich betätigt, so mufs man durch die Liebe töricht geworden sein (V. 1631—1646).

Die irrtümliche Trauer ist mehrmals sehr sorgfältig ausgeführt. Das Unwirkliche ist dabei wesentlich. Gerade darin liegt die Spannung. Der Hörer weils, dafs es nur ein Spiel ist, und er wird oft ausdrücklich darauf hingewiesen; z.B. V. 2072 u. 2087:

2071 Si feisoient un duel mout fort Por lor seignor li Greu a tort,

2087 Mes por neant se desconfortent.

Trotzdem, oder gerade deswegen, wird die Szene ausgemalt, mit Angabe der Namen der Trauernden, mit Chor und Zuschauern. In diese Trauerszene tritt als Protagonistin Soredamors ein. Ihr irrtümlicher Schmerz hat einen ausgeführten Hintergrund, und die Lösung des Irrtums ist nun um so effektvoller. Um den Tod der Fenice wird mehrmals ausführlich getrauert. Die irreale Toten- klage (V. 5791 ff., 6072 fi., 6129 ff.) ist ein Spiel. Die Hauptbeteiligten wissen das, und die Hörer auch. Auf diesem bewulsten Mifsver- hältnis zwischen Äufserung und wirklicher Ursache beruht die immer wieder ausgenutzte Wirkung von solchen Iyrischen Phantasiegebilden. Sie sollen weiter nichts sein als ein schöner Schein.

Wenn wir nun zu den übrigen Haltungsposen von geringerer Absichtlichkeit zurückkehren, können wir uns mit kurzen Andeu- tungen begnügen. Sie alle beanspruchen ein Interesse für sich, das nicht im Fortgang der Handlung allein begründet liegt. Es kommt uns hier nicht auf den kulturhistorischen Inhalt dieser Ge- bräuche an, sondern darauf, dals sie als korrekt gespielte und durch- geführte Posen literarisch wirken. Das richtige Verhalten wird von den Mitspielern im Epos gewertet und wurde von den Lesern ästhetisch genossen. In dieser Spiegelungsmöglichkeit liegt der literarische Gehalt des Benehmens.

Der Musterritter, mag er Alexander oder Cliges heilsen, hat sich in bestimmter Weise zu verhalten. Nur von Artus kann Alexander seine Ritterwaffen erbalten (V. ı13 fl.); bescheiden mufs er von seiner Unerprobtheit sprechen (V. 146). Wenn Cliges auch zu Artus will, so erfüllt er damit genau die gleiche Vorschrift; auch er nennt sich zu unerprobt, um sein Land schon zu verwalten (V. 4214ff,, 4245).

Der Erfolg erfreut den Helden, aber zu viel Lob mufs ihn beschämen:

Zeitschr. f. rom. Phil, XLVUI. 6

82 ARTHUR FRANZ,

5017 Que plus le bent tuit ansanble Qu’il ne devroient, ce li sanble ; Mes bel li est et san a honte; Li sans an la face monte Si que tot vergoigner le voient.

Das richtige Mafs, die richtige Mitte zwischen Stolz und Herab- lassung, ist die Voraussetzung für das korrekte gesellschaftliche Benehmen: 3932 Cil n’est Bas fos ne ne s’orguelle Ne ne se fait noble ne cointe.

Nachdem Alexander und seine Leute zum Ritter geschlagen sind, müssen sie sich in Taten bewähren, wozu sind sonst Lanze und Schild da? (V. ı305f.). Gefährliche Abenteuer und Zweikämpfe bitten sich junge Helden als Gunst aus, Alexander ebenso wie Cliges, als sie von der Heimat Abschied nehmen, und nochmals Cliges, als es sich um einen Entscheidungskampf handelt:

3971 Mes Ciiges as Pies lor an chiet ... Que ıl ceste bataille eüst An guerredon et an merite.

Noble Gesinnung nutzt Waffenerfolge nicht materiell, sondern nur zum Ruhme aus. Alexander schickt die gefangenen Verteidiger, statt sie zu töten, zum König, damit sie ihn als Absender rühmen (V. 2169 fl). Die gleiche Pose nimmt Cliges ein, als die dreitägigen grolsen Turniere vorüber sind. Eine ganze Anzahl der Ritter sehen jetzt, dafs er ihr Überwinder ist:

4996 EZ tuit cıl l’apelent seignor.

Aber er will es nicht wahrhaben, dafs er es sei, der die Herrschaft über sie gewonnen hat; und wenn es auch so wäre, seien sie doch alle frei: 4998 Mes ıl le viuul a bos nolier Et dit que trestuit quite svient De lor fois, s’ıl cuident et croient Que ce fust il qui les preist,

Wenn man sieht, dafs kurz vorher berichtet wird, wie sich Cliges für den Ehrungsakt als französischer Ritter umkleidet, wie also der korrekte Anzug für das Auftreten als wesentlich angesehen wird, so versteht man, dafs es sich bei den besprochenen Gesten um eine Art wirkungsvoller geistiger Draperie handelt, deren richtiger Faltenwurf von den Lesern ästhetisch genossen wurde.

Es gibt eine grofse Anzahl von Teilvorgängen im Epos, deren Anziehungskraft darauf beruht, dafs sie schön geregelt, ich möchte fast sagen rituell, sich abspielen. Ich erinnere an die Begrüfsungen und Abschiede, die Herausforderungen und die Turniere. Sie alle werden nicht nur beobachtet, sondern auch beurteilt; es wird als Aufgabe literarischer Kunst empfunden, dafs ihr richtiger Ablauf

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zur Geltung kommt. Damit hängt die Bewertung der direkten Rede bei Chrestien zusammen. Denn diese Auffassung vom richtigen Ablauf ist mit rhetorischer Kunstauffassung eng verwandt. So werden denn auch die Reden als Teil des korrekten Benehmens nicht vergessen. Es gehört zu den Voraussetzungen für die Be- tätigung des höfischen Helden, dals er wirkungsvoll reden kann. Zum Beispiel wird von Alexander bei einer Begrülsungsszene aus- drücklich gesagt:

340 Qui la langue avoit esmolue A bien parler et sagemant.

Auch bei Botenberichten wird von der richtigen Redeweise ge- sprochen (z. B. V. 2871, 3960—65, 6719), und Musterreden, die die Handlung nicht gerade fördern, werden viele in extenso ge- geben (z. B. V 2280ff. und 2311 fl.).

Es ist im Rahmen dieses Aufsatzes nicht möglich und nicht nötig, diesen Gesichtspunkt im einzelnen auszuführen. Ich kann nur ausgewählte Beispiele besprechen, bei denen etwas Besonderes zu bemerken ist. Die Ankunft des Alexander und seiner zwölf Genossen ist als so gut aufgemachte Szene beschrieben, dafs alle sofort den Eindruck erwecken aus hochadeligem Hause zu stammen:

319 Zt li baron trestuit se teisent; Car li vaslet formant lor fleisent; ... Ne cuident pas qu’il ne soient Tuit de contes ou de roi fil; Et por voir si estoient ıl.

Erst der Eindruck, der durch den Aufzug hervorgerufen wird, dann erst die Wirklichkeit, an der der Eindruck gemessen wird, und die ihn bestätigt. Ähnlich verhält es sich mit Fenices Eindruck von Cliges. Sie hat ihn gleich geliebt, weil er als der Beste erschien; es bestätigt sich, dals er es auch war (V. 2980ff.), s. o

Als Acorionde die Herausforderung des Alexander an Alis überbringt, wird ein Kehrbild der üblichen Begrüfsungen gegeben. Die einzelnen Etappen des Unterschieds sind die folgenden: V. 2474: Er antwortet nicht auf die Zurufe der Freunde; er begrüfst den Kaiser nicht, neigt sich nicht vor ihm und nennt ihn nicht mit seinem Titel (V. 2480ff.); im folgenden diplomatischen Zwiegespräch gibt der Bote nicht nach, usw. Die Szene fesselt weniger durch das, was geschieht und was verhandelt wird, als dadurch, dals sie von der Norm abweicht. Ähnlich ist die Szene V. 2536 ff. zu be- ‚urteilen. Die Leute des Alis widerraten, als dieser gegen Alexander etwas unternehmen will, diese Gegnerschaft und drohen mit Abfall. Dieses Benehmen weicht von der Regel ab. Untergebene haben den Lehnsherrn, wenn er sie zu Taten ruft, ihres Eifers zu ver- sichern. Diese Haltung ist häufig geschildert, typisch z.B. V. 1077 fl.

1085 Einsi le roi tuit asseürent Et afient formant et jurent ...

6*

84 ARTHUR FRANZ,

Hierbei kann bemerkt werden, dafs bei Kämpfen gewöhnlich die Gegner des gerade im Vordergrund stehenden Helden dadurch verdunkelt werden, dals sie von den Posen, die Sympathie einbringen, abweichen.

Freigebigkieit und Betätigungstrieb sind Bestandteile des Ritterideals. Sie gehören zur Wohlerzogenheit (V. ı84f., ı90f.). Diese Tugenden spielen aber in unserem Roman keine Rolle. Trotzdem wird mehrmals zur Jargesce gemahnt (V.405ff., 4580 fl.), und von der faresce wird (V. ı54fl.) abgeraten. Diese Stellen würden noch stärker aus dem Gesamtplan des Epos herausfallen, wenn sie nicht eben Teile der Theorie bildeten, der man sich in seinem Benehmen zu unterwerfen hat.

Es gibt auch Gesten, die aus dem Zusammenhang herausfallen, die wenigstens unnötig erscheinen, da ihr Reflex nicht in die Handlung eingeordnet ist. Man kann sie als reine Schmuckgesten bezeichnen. Ich denke an zwei Fälle, die sich in den etwas nach- lässig komponierten Schlüssen der beiden Teile finden. Gegen Ende der ersten Geschichte erhält Alexander zum Lohn für seine Taten den als Preis angesetzten Becher. Aber er ist so edel, dafs er ihn nicht behalten will. Ohne jede innere Motivierung schenkt er ihn an Gauvain weiter:

2234 La code prant et par franchise Prie mon seignor Gauvain tant Que de lui cele cope prant; Mes a mout grant painne l’a prise.

Am Ende des Hauptteils ist Cliges geflohen, und der Diener Jehan hat dem Kaiser Alis seine Schmach ins Gesicht gesagt. Alis fordert ihn auf, den Aufenthalt seines Herrn zu verraten. Den weils er zwar nicht, aber er beginnt doch mit der Biedermannsgeste: 6598 Fe vos dirai? Et je comant Feroie si grant felonie

Die Handlung wird dadurch nicht gefördert, es ist nur eben eine Schmuckpose mehr. Aber eine Wirkung hat sie doch. Sie läfst ein Licht auf des Kaisers Gegner fallen und verstärkt dadurch das Dunkel, in dem sich der betrogene Gatte befindet, auf den Schimpf auf Schimpf gehäuft wird.

In der Kultur, deren Ausdruck die höfischen Epen sind, ist eine weltliche Bindung an Stelle der religiösen Bindung getreten; das weltliche Ritual ersetzt zum Teil die kirchlichen Vorschriften. Es ist von diesen Vorschriften befruchtet. So ist die Standhaftigkeit, mit der Fenice die Scheintodsprobe aushält, dem kirchlichen Märtyrer- tum nachgebildet und dessen wirkungsvolle Pose ist benutzt. Sie verhält sich den Peinigungen gegenüber genau wie eine Märtyrerin. Auch das Wort fehlt nicht:

5993 Ne por ce n’i porent rien feire Ne sospir ne parole treire, N’ele ne se crolle ne muel .,.

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6014 Cele se test ne ne lor viee

Sa char a batre ne maumetre ... 6024 Oui au charbon et a la flame

Li feisoient sofrir martire.

Der Grund ihrer Standhaftigkeit ist freilich nicht heilig, aber die äufserliche Wirkung ist ähnlich.